Das scharlachrote Mal der Hester Prynne

© Foto: Karoline, 2018

Aus gegebenem Anlass (mehr sei an dieser Stelle nicht verraten) setze ich mich derzeit intensiv mit der amerikanischen Literatur auseinander. Besonders die New England-Klassiker haben es mir dabei angetan. So war es nur eine Frage der Zeit, bis ich über den Scharlachroten Buchstaben von Nathaniel Hawthorne stolperte – einen Meilenstein der amerikanischen Literatur, den angeblich jeder College-Student gelesen haben muss.

Gegenstand dieses Romans ist das Leben der Hester Prynne, einer jungen Frau, die im sehr puritanisch geprägten Salem des 17. Jahrhunderts lebt und dort – trotz Abwesenheit ihres Gatten, der auf Reisen verschollen ist – schwanger wird. Auch nach der Geburt weigert sie sich standhaft den Namen des Vaters zu nennen, doch niemand weiß wieso. Sie wird von den Gemeindevertretern für Stunden an den Pranger gestellt und den Massen zum Gaffen und Bewerfen ausgesetzt. Zusätzlich erhält sie auf Lebenszeit ein scharlachrotes, gesticktes A auf einem Stück Stoff, dass sie immer an ihrer Kleidung zu tragen hat. Aus dem Baby wird die kleine Pearl, ein koboldhaftes Kind, das genau wie ihre Mutter die soziale Ausgrenzung zu spüren bekommt. Während Hester versucht sich mit der Schande zu arrangieren, erscheint ihr tot geglaubter Ehemann. Er macht es sich zur Lebensaufgabe herauszufinden, wer seine junge Ehefrau geschwängert hat. Wird Hesters streng gehütetes Geheimnis ans Tageslicht kommen?

Der scharlachrote Buchstabe beginnt mit einer recht ausführlichen Einleitung des Autors. Auf blumig-ironische Weise schildert Hawthorne seinen Alltag als Zollbeamter, nachdem er das Schriftstellertum durch fehlende Erfolge an den Nagel gehängt hat. Beim Durchstreifen des Zollhauses entdeckt er auf dem Dachboden den Nachlass seines Vorgängers, darunter ein Stück Stoff mit einem aufgestickten scharlachroten A sowie dazugehörige Aufzeichnungen. Vielleicht war das Thema auch eine dankbare Gelegenheit für eine Abrechnung mit seinen Vorfahren, die maßgeblich an der berühmten Hexenverbrennung von Salem beteiligt waren. Zweifelsohne ist von Anfang an klar, dass seine volle Sympathie bei Hester Prynne liegt. Sie ist eine starke Frau, die stets erhobenen Hauptes durch die Stadt geht, die Schande mit Demut und Gütigkeit bekämpft und sich somit widerwilligen Respekt verdient.

Als typischer Vertreter der Romantik spart der Autor in seinem Werk nicht an beschreibendem Beiwerk, das ich mehr überflogen, als fasziniert gelesen habe. Die neue Übersetzung von Jürgen Brôcan schafft es jedoch auf wunderbare Weise die alte Sprache weniger gestelzt zu gestalten, was sich flüssig und fesselnd liest. Doch bei der packenden Geschichte um die verheimlichte Vaterschaft ist Spannung ohnehin vorprogrammiert. Dieses Thema ist, wenn wir einmal einen genauen Blick in die Talkshow-Landschaft werfen, bis heute top aktuell. Mich jedenfalls hat Der scharlachrote Buchstabe begeistert. Die kurzen und knackigen Kapitel flogen nur so dahin und schon war ich dem Geheimnis auf der Spur. Eine Frage blieb allerdings ungeklärt und beschäftigt die Leser seit Jahrhunderten: Was, verdammt nochmal, hat das A zu bedeuten?

Nathaniel Hawthornes Werk war für mich auch deshalb interessant, weil er als einer der ersten rein amerikanischen Schriftsteller gilt. In den Dekaden zuvor war die Literatur noch zu sehr vom British Empire geprägt, sodass sich ein eigenständiger Stil erst nach der Unabhängigkeit entwickeln konnte. Neben dem Scharlachroten Buchstaben (1850) zählen zu dieser neuen Ära auch Moby Dick (1851), Onkel Toms Hütte (1852) und Walden oder Leben in den Wäldern (1854), die natürlich auch schon auf meiner Liste gelandet sind.

Karoline

Autor: Nathaniel Hawthorne
Buchtitel: Der scharlachrote Buchstabe
Übersetzung: neu übersetzt und kommentiert von Jürgen Brôcan
Verlag: dtv

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