Wahn und Wahrheit

© Foto: Ilke, 2018

Für den aktuellen Weltenbummlermonat wollte ich etwas Spannendes und entschied mich für den Thriller Blauer Elefant. Die Aufregung begann, bevor ich überhaupt mit dem Lesen anfangen konnte, da der Verlag den Erscheinungstermin mehrfach verschob und ich nicht wusste, wann ich das Buch erhalten und ob ich es rechtzeitig schaffen würde zu lesen. Aber was lange währt, wurde endlich gut. Ob das ein gutes Vorzeichen war?

Jachja wollte eigentlich nicht mehr in seinen Beruf als Psychologe zurückkehren, sondern sich seiner Vorliebe für Rauschmittel aller Art, Poker und den Vorzügen seiner Geliebten Maja widmen, doch ein unangenehmer Brief aus der forensischen Klinik lässt ihn seine Meinung ändern. Schließlich arbeitet er offiziell noch dort, auch wenn er zuletzt vor fünf Jahren am Arbeitsplatz erschien. Er wird sogleich mit einem Fall betraut, der ihm den Atem stocken lässt: sein alter Freund Scharîf, ebenfalls ein Psychologe, soll seine schwangere Ehefrau gequält und in den Freitod getrieben haben. Dieser  verweigert die Aussage. Jachja soll herausfinden, ob Scharîf geistesgestört ist oder er wissentlich handelte, was seinen Tod zur Folge hätte. Nach einigen Sitzungen vermutet er eine Persönlichkeitsspaltung, doch könnte diese auch gespielt sein. Er setzt alles daran, herauszufinden, was in der schicksalshaften Nacht geschah und wie es so weit kommen konnte. Etwas Hilfe erhält er dabei von Scharîfs Schwester Lubna, die aufgrund der Umstände plötzlich wieder in sein Leben tritt und dabei auch alte Gefühle wieder aufrollt. Um von seinen Problemen nicht aufgefressen zu werden, flüchtet sich Jachja in Drogen. Schwerer Fehler. Als ihn Maja besucht und neuartige Pillen mit einem blauen Elefanten darauf mitbringt kann er nicht widerstehen. Seine ohnehin schon existenten Halluzinationen werden durch den Trip verstärkt und Jachja fällt es zunehmend schwerer, zwischen Traum, Realität, Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Der blaue Elefant führt ihn nicht nur in sein Unterbewusstsein, sondern auch in eine Welt der Mystik und des Glaubens an alte, muslimische Dämonen.

Der Leser erlebt gleich mehrere Drogentrip-Passagen und kann sich diesen kaum entziehen. Wie Jachja verliert man vor allem gegen Ende den Überblick, was sich in der Realität abspielt und was in Jachjas Kopf. Ich hatte einen rein rationalen Thriller erwartet und war etwas überrascht, welche große Rolle der Glaube um die Macht von Beschwörungen darin haben. Der Leser wird im Dunkeln darüber gelassen, was tatsächlich geschieht und was nur Einbildung ist. Dementsprechend ist auch das Ende des Buches aufgebaut.

Besonders gut haben mir der Spannungsbogen und die Wendungen gefallen. Ich war recht schnell durch, da ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Den Schreibstil des Autors finde ich sehr beeindruckend, in kaum einem Buch durfte ich so viele ungewöhnliche, sprachliche Bilder lesen:

„Bevor ich das Direktionsgebäude erreichte, fiel mein Blick auf eine Leiche mitten im Park. Man hatte ihr sämtliche Glieder abgetrennt, und doch hatte niemand es gewagt, sie der Erde zu übergeben. Ich bückte mich und tastete nach ihrem Herzen – dem Herzen des Eukalyptusbaums, der erbleicht und so grau wie Staub war. Ein besiegter Gigant, dessen Leib nun den Passanten als Sitzgelegenheit diente.“

Ahmed Mourad, Blauer Elefant, Seite 13

Zudem spielt der Autor mit der Grenze des Verstands und lässt mehrere  Interpretations-möglichkeiten der Geschichte zu.  Es gibt keine Kapitel, nur hin und wieder große Absätze. In gewisser Weise gleicht die Geschichte einem Tagebucheintrag von Jachja, versehen mit Gedankenunterbrechungen, ergänzenden Anmerkungen und Smilies, und hin und wieder spricht er den Leser selbst an. Die Liebesgeschichte um Lubna muss natürlich auch seinen Platz in dem Buch finden, darüber habe ich recht schnell hinweggelesen. Der Lenos Verlag hat seinen Sitz in der Schweiz und dort existiert kein Eszett. Es war recht  irritierend, gewohnte Worte statt eines ß mit einem ss vorzufinden, doch ich konnte mich daran gewöhnen. Der Thriller war zu gut, um sich daran aufzuhängen. Das Ende hat mich noch einige Zeit beschäftigt, da es auf verschiedene Arten ausgelegt werden kann.

Ilke

Autor: Ahmed Mourad
Buchtitel: Blauer Elefant
Übersetzung: aus dem Arabischen von Christine Battermann
Verlag: Lenos Verlag

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