Im Bann der Familie

© Foto: Carmen, 2018

Gerade weiß ich nicht, wie ich beginnen soll. Rechnend mit einer Geschichte über eine Kaufmannsfamilie, in welcher ich einiges über das Geschäft derselben erfahre, bin ich total im Zwiespalt.

Zwischen den Palästen zeichnet das Leben der Kairoer Familie Abd el-Gawwad. Unumstrittenes Oberhaupt ist hier Achmed – despotisch, fordernd, seine Familie beherrschend. Doch in seinem Wesen ist er total unterschiedlich. In seinem Haus gilt nur sein Wort und ist Gesetz. Streng und unnachgiebig herrscht er dort und blickt verächtlich auf jedes Mitglied seiner Familie herab. Einzig seiner Tochter Chalida bringt er so etwas wie Gefühle entgegen, da sie nicht dem Ideal einer schönen Tochter entspricht – sie hat seine große Nase geerbt. Seinen drei Söhnen, seiner Frau und der jüngeren Tochter gibt er sich überragend tyrannisch. Er lässt keine Meinungen zu und überwacht strikt, dass seinem Willen nachgegeben wird. Außer Haus jedoch ist er ein gern gesehener Freund und Geschäftspartner, freundlich, immer einen guten Rat wissend, humorvoll und ein begnadeter Liebhaber. Nach und nach erhält man einen Einblick in die Familie, wo Mutter Amina krampfhaft darauf achtet, den Hausherrn nicht wütend zu machen. Sie selbst darf das Haus nicht verlassen und lebt dort seit 40 Jahren wie im Gefängnis. So sieht sie es natürlich nicht, doch sie möchte so gern einmal in die Moschee, um zu dem Heiligen zu beten. Als ihr Mann eine Reise macht, ergibt sich die Möglichkeit dazu. Überredet von den Kindern und mit großer Angst im Herzen macht sie sich mit dem jüngsten Sohn Kamal auf den Weg. Doch der Besuch soll so ganz anders enden, als gedacht.

Die Söhne und Töchter haben auch so ihre Wünsche und Vorstellungen, welche jedoch nicht immer denen des Vaters entsprechen. So verheiratet er kurzerhand seinen zweiten Sohn, als dieser seine männliche Begierde nicht zurückhalten kann, mit der Tochter eines Freundes. Am Anfang ist Jasin ganz begeistert von seiner Frau, steht sie ihm doch jede Nacht zur Verfügung. Jedoch, wie ein kleiner Junge, verliert er bald die Freude an seinem „Spielzeug“ und sucht wieder die Abwechslung.

Auch die Geschehnisse in der Stadt gehen nicht an der Familie vorbei, beginnt doch gerade der Kampf um die nationale Unabhängigkeit, welche das Ende des britischen Protektorats fordert. So bleibt es nicht aus, dass die Söhne davon beeinflusst werden und gerade der älteste Sohn Fahmi eine tragische Rolle bei den Demonstrationen und Streiks spielt.

Zwischen den Palästen ist der erste Teil einer Trilogie des Autors Nagib Machfus. Dieser ist einer der bedeutendsten arabischen Schriftsteller der Gegenwart und erhielt 1988 den Nobelpreis für Literatur.  Die ersten 100 Seiten musste ich mich echt zwingen, weiter zu lesen, doch nach und nach fesselte mich das Geschehen dann doch. In diesem Buch findet man keine reißerischen Wendungen oder Abenteuer. Eher ruhig und gelassen ist der Schreibstil. Als ich mich daran gewöhnt hatte, fiel es mir leicht, mich auf die Geschichte einzulassen. So erfährt man, was jeden einzelnen der Bewohner bewegt und welche Hoffnungen und Wünsche er hat. Ob diese sich aber erfüllen, das muss sich jeder selbst erlesen. Der Autor hat hier ganz simpel das tägliche Leben dieser Familie beschrieben. Ab und zu kamen Aggressionen hoch, wenn der Vater wieder einmal seine Familie beschimpfte oder auf der Mutter herumtrampelte. Seine Heuchelei ist sehr penetrant beschrieben. Das waren aber Ausnahmen, denn die gelassene Schreibart lullte einen kurz darauf wieder ein. Palast der Sehnsucht und Zuckergässchen sind die beiden Fortsetzungen. Ich werde diese wohl eher nicht lesen wollen, aber wer weiß, manchmal überrasche ich mich selber!

Wieder einmal neigt sich ein Ländermonat dem Ende entgegen. Bei unserem kleinen Ägypten-Ausflug besuchten wir exklusive Clubs, erlebten poetische Traumsequenzen am Nil, waren auf Drogentrips mit einem Psychologen, unternahmen eine fantastische Reise ins Land der Pharaonen, erkundeten die mysteriösen Pyramiden und lernten den nobelpreisgekrönten Alltag einer ägyptischen Familie kennen. Begleitet uns doch auch im September wieder, wenn wir den wohl giftigsten Kontinent der Erde unter die Lupe nehmen!

Carmen

Autor: Nagib Machfus
Buchtitel: Zwischen den Palästen
Übersetzung: aus dem Arabischen von Doris Kilias
Verlag: Unionsverlag Zürich

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