Wann ist ein Mann ein Mann?

© Foto: Katrin, 2018

Kennt ihr das auch? Ihr seht einen Titel im Buchladen und denkt auf Anhieb: „Klingt interessant. Will ich lesen!“  Trotzdem bleibt es nur allzu häufig bei diesem Vorsatz. In dieser Manier schleiche ich bereits über ein Jahr um das Sachbuch Boys don’t cry von Jack Urwin herum. Als ich das letze Mal in der kapital-großartigen kleinen Buchhandlung meines Vertrauens rumlungerte, kam jedoch eins zum anderen. Das Thema beschäftigt mich schon eine Weile, sodass kürzliche Gespräche mit Kumpels über Rollenbilder und Erwartungen in einen Spontankauf mündeten. Die weibliche Sicht ist mir naturgemäß vertraut, doch wie geht es eigentlich den Männern in dieser unserer ach so modernen Gesellschaft?

Aufgrund der positiven Resonanz auf einen Artikel zum Thema Männlichkeit setzte sich Jack Urwin 2015 auf den Hosenboden und schrieb sich Boys don’t cry richtiggehend von der Seele. Es ist genauso persönlich wie allgemeingültig, wenn er beleuchtet, was unsere Gesellschaft für Ansprüche an „den Mann“ stellt – und was dies nicht nur für Auswirkungen auf die männliche Psyche hat, sondern mit uns als Gemeinschaft anstellt. Die dabei im Buch angesprochenen Aspekte und beeinflussenden Faktoren von Männlichkeit sind vielfältig. Es geht um Konditionierung in der Kindheit, Aggression und Mentalität, institutionalisierte Gewalt, Arbeit und Selbstwert, Familie, persönliche Beziehungen und Sex, Vergewaltigungskultur und Auswirkungen auf die Frauenrechtsbewegung, um hier nur einige Schlagworte in den Raum zu werfen. Woran soll ein Mann sich halten, wenn er nicht mehr der Versorger ist und in der Schlacht oder auf der Jagd seine Tapferkeit beweisen muss? Wieso ist Männlichkeit überhaupt noch immer an diese Vorstellungen geknüpft?  Wie gehen Männer miteinander um? Erzählt ein Mann seinem besten Kumpel alles? Umarmen und trösten die sich genauso, wie meine Mädels und ich das tun? Dürfen Männer überhaupt weinen? Fragen über Fragen …

Je mehr ich mich in dieses Buch vertieft habe, desto klarer wurde mir, dass der Autor nichts Neues oder gar Revolutionäres anspricht. Vielmehr beeindruckt der Text dadurch, dass er endlich die Wahrheit offen thematisiert. Ja, Jungs und Männer stehen unter gesellschaftlichem Druck. Ja, die uns von klein auf eingetrichterten Rollenbilder sind gerade für Heranwachsende ein gemeines Korsett. Ja, unser Miteinander wäre besser, wenn wir Männlichkeit nicht an Sexualität und Gender knüpfen würden. Davon bin ich  genauso wie der Autor überzeugt. Nur, dass ich hier meine Überzeugung zum ersten Mal ausformuliert lesen konnte. Wie sicher andere Menschen auch – insbesondere Männer, die mit der Vorstellung aufwachsen, es sei normal, verschlossen durchs Leben zu gehen und es existiere eine Art unverrückbare Norm, der alle zu entsprechen haben.

Letztendlich sollte sich niemand derart verbiegen müssen, um eine völlig abstruse Rolle zu erfüllen. Wenn diese Zwänge bei Männern zu drei- bis vier Mal so hohen Selbstmordraten führen wie bei Frauen, kann etwas nicht stimmen! Damit nicht genug. Unter der Überbetonung einer überholten Idee von Männlichkeit leiden letztendlich alle mit den Männern: Familie, Freunde und Frauen ganz allgemein. Im Buch werden dazu viele interessante Schlussfolgerungen präsentiert, die den Text lesenswert machen. Ich bin ganz bei Jack Urwin, wenn er schreibt:

Wir brauchen nichtbinäre, trans und queere Menschen, damit sie uns zeigen, dass wir nicht an das Gender gebunden sind, das uns zugewiesen wurde, dass es in Ordnung ist, auch mal loszulassen, und wir nicht bei jeder Gelegenheit unsere Männlichkeit betonen müssen.

Boys don’t cry – Identität, Gefühl und Männlichkeit,
Jack Urwin S. 181

Als ich fast durch war, ging ich in Gedanken bereits durch, was es eigentlich an diesem Buch herumzukritteln gibt. Mich störte die teilweise gebetsmühlenartige Redundanz mancher Aussagen, ja ganzer Formulierungen. Auch die mitunter etwas zu schnodderige Sprache oder der Mangel an Tiefe im Vergleich zum Titel Unsagbare Dinge von Laurie Penny wurmten mich etwas. Es fühlte sich beim Lesen hier und da ein bisschen an, wie der Beginn eines Denkprozesses, dessen Abschluss mir verweigert wird. Doch das hat System. Der Autor selbst erklärt zum Ende hin, für wen das Buch gedacht ist (im Grunde für alle) und warum er es eher flapsig formuliert hat (damit jeder es versteht und sich genug unterhalten fühlt, um bis zum Ende durchzuhalten) und dass er es „nur“ als Einstieg in die Thematik verstanden sehen will.

Damit nahm mir der gute Jack quasi den Wind aus den Segeln, denn als Vorreiter leistet Boys don’t cry ganze Arbeit. Es erreicht seinen Zweck, ist zugänglich, eindringlich und wirkt absolut schlüssig. Meine Güte – ich hatte es innerhalb von 24 Stunden durch. So ziemlich jeder sollte sich an einer Stelle darin wiederfinden, solange die Person ehrlich zu sich selbst ist. Im Geiste schüttle ich dem Autor Jack Urwin jedenfalls energisch zustimmend die Hand. Wir müssen unsere Einstellung ändern! Ein erster Schritt für euch könnte dieses Buch sein. Lest selbst. Lasst es euch durch den Kopf gehen. Diskutiert es mit euren Freunden, Partnern und der Familie. Ich wette, so manchem wird dadurch ein ziemliches Licht aufgehen.

Katrin

Autor: Jack Urwin
Titel: Boys don’t cry – Identität, Gefühl und Männlichkeit
Übersetzung: aus dem Englischen von Elvira Willems
Verlag: Edition Nautilus, Nautilus Flugschrift

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.