Abstecher ins Unbekannte

Little Black Classics Cover 1

© Foto: Bettina, 2018

Sicher bin ich nicht die einzige, die nach einer tollen Reihe oft einen kleinen Lese-Blues hat. Das finale Buch ist zu Ende, die Geschichte erzählt und nun sitze ich hier und will die Welt, die mich so in ihren Bann gezogen hat, nicht loslassen. Bis jetzt war die einzige Kur dafür eine neue einnehmende Buchserie zu finden, ein unter Umständen langwieriges Unterfangen. Vor einiger Zeit bin ich nun durch Zufall auf eine weitere Lösung gestoßen. Nicht nur epische Serien können mich von meiner Besessenheit abbringen, sondern auch kleine Ausschnitte aus großen Klassikern. Als Fundgrube für kleine Texte dieser Art ist natürlich Penguin Classics prädestiniert. Dort bin ich auf die Reihe der Little Black Classics gestoßen und habe mich direkt verguckt. Was für ein Glück, dass ich mich in der Buchhandlung gleich mit mehreren Heften eindecken konnte!


Of Street Piemen, Henry Mayhew, No. 26
Los geht das Abenteuer in einer Stadt, die vielen von uns bekannt sein dürfte: London.
Im viktorianischen Zeitalter war sie als Zentrum des Britischen Weltreichs wohl die größte und wichtigste Metropole aller Länder. In der Literatur tummeln sich daher ungleich viele Geschichten über die betuchteren Stadtbewohner, die uns ein Bild von dieser Ära verschaffen können. Dieser Eindruck bleibt jedoch zwangsweise unvollständig, denn zur Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung und den niederen Schichten lässt sich heute kaum noch etwas finden. So tat der Morning Cronicle damals gut daran Henry Mayhew mit dem Verfassen mehrerer Texte zum Leben der Armen der Stadt zu beauftragen. Der Autor zog daraufhin los und interviewte, was das Zeug hielt. Mit sehr englischer Genauigkeit lässt er sich zum Beispiel von den hier titelgebenden Verkäufern von Pie erklären wie sie leben, wieviel sie verdienen und was die Zutaten eines Pies kosten. Er begleitet Vogelfänger auf der Jagd und besucht Blumenmädchen, die ihm Rede und Antwort stehen. Seinen Gesprächspartnern, so schien es mir, begegnet er dabei ohne Überheblichkeit und gibt zum Beispiel ihren Dialekt originalgetreu wieder. Das macht den Text authentisch, allerdings unter Umständen auch schwerer zu lesen. Aufgelockert wird das Ganze von Henry Mayhews eigenen Beobachtungen in den Markstraßen, am Hafen, bei einer Zugreise oder während einer Ballonfahrt über London.


A Hippo Banquet, Mary Kingsley, No. 32
Weit entfernt von heimischen Gefilden ist dagegen Mary Kingsley auf Reisen gewesen. Kaum sind die ersten Seiten aufgeschlagen, befindet man sich auf Expedition in Westafrika und lauscht den Tagebucheinträgen der Reisenden. Im ausgehenden 19. Jahrhundert hat sich Kingsley aufgemacht, um die dortige Tierwelt zu erforschen. Dies war wohl gerade damals ein für Frauen untypisches Unterfangen. In trockenem, stellenweise gar lakonischem Ton schreibt sie von ihren Begegnungen mit Elefanten, Jaguaren und natürlich Flusspferden. Daneben nehmen die Beschreibungen der beschwerlichen Reise einen Großteil ihres Textes ein. Mit dem Kanu und zu Fuß schlägt Kingsley sich gemeinsam mit einheimischen Begleitern durch Sandbänke, vorbei an Flussinseln und über gestürzte Bäume. Das kann der Leser sich dank der deutlichen Beschreibung lebhaft vorstellen. Mit den Orts- oder Flussnamen, die allenthalben genannt werden, kann man dagegen natürlich so gut wie gar nichts anfangen. In Momenten der Entdeckung zeigt sich ihre lebhafte Begeisterung für ihre Forschung. Gefährliche Situationen hingegen kommentiert sie mit 1A englischem Humor, sodass ihr Bericht stellenweise überraschend modern wirkt. Einzig dieeteas kolonialistische Beschreibung der Stämme, die ihr begegnen, zeigt mir beim Lesen stellenweise doch, dass Mary Kingsleys Reise mehr als hundert Jahre zurück liegt.


The Old Man of the Moon, Shen Fu, No. 60
Fast doppelt so lang ist es her, dass in China der niedere Beamte Shen Fu seine Zeilen zu Papier gebracht hat und vor allem von einem schrieb: Der Liebe zu seiner Frau. Auch aus dem alten China sind uns reichlich Epen und Mythen bekannt, jedoch wenige Texte von Menschen geringerer Position. Umso erstaunlicher ist es diese Szenen aus dem Leben von Shen Fu zu verfolgen. Schon zu Beginn der Ehe des Autors zeigt sich, dass Mann und Frau einander ungewöhnlich nahe stehen und gemeinsam am glücklichsten sind. Ihre schwierige finanzielle Situation hält beide nicht davon ab, als zufriedenes Paar zu leben. Die Beschreibungen machen klar, wie anders das Leben selbst von gebildeten Menschen damals war, als man es sich je vorgestellt hätte. Das kleine Haus, die schweren Winter und das unsichere Einkommen machen den Eheleuten allerdings das Leben schwer. Abseits davon erzählt Shen Fu von den glücklichen Momenten im Sommerhaus, in dem beide die heißen Tage verbringen und der Ruhe, in der sie sich so wohlfühlen. Durch seine erzählerische Kunstferrtigkeit, sehnt man sich bald selbst danach. Doch nach einem gesellschaftlichen Faux-pas wird seine Frau krank. So beginnen die langen Jahre einer schleppenden Schwächung, die sich nicht aufhalten lässt. Shen Fu muss Verwandte und Bekannte um Geld bitten, seine Frau daraufhin die Hilfe einer Freundin aus der Kindheit annehmen. Für einige Szenen und Beschreibungen des Autors fehlte mir beim Lesen klar der kulturelle Hintergrund, um sie in ihrer Gänze nachzuvollziehen. Doch die tiefe Zuneigung und Zärtlichkeit zwischen den Liebenden ließ sich mühelos verstehen. Genau wie die Melancholie und Schwermut, die sich über die Geschehnisse legt, als Shen Fu seine Frau zu verlieren droht.

Bettina

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