Lebendige Inseln

© Foto: Katrin, 2018

Vor einiger Zeit drückte mir meine allerbeste Bücherfee ein Sachbuch in die Hand, das ich schon seit einiger Zeit neugierig beäugt hatte: Winzige Gefährten von Ed Yong. In diesem Buch dreht sich alles darum, wie Mikroorganismen unser Leben beeinflussen. Zuvor hatte ich mir nie bewusst gemacht, wie groß diese Auswirkungen sein können. Ihr kennt doch sicher das Sprichwort „Kleine Ursache, große Wirkung“? Als Leitmotiv für dieses Buch gilt das allemal.

So nimmt Ed Yong mich als Leser zunächst mit auf einen kleinen Zoobesuch zu Baba, dem Weißbauchschuppentier. Vorsichtig werden dessen Gesicht, Bauch und die Gliedmaßen mit einem Wattestäbchen abgetupft, um Wischproben seines Mikrobioms zu gewinnen. Je nach Körperregion ist die darauf siedelnde Mikrobengemeinschaft einzigartig. Wie bei jedem von uns. So ähneln sich beispielsweise die Mikroorganismen auf meinem und eurem Arm mehr, als die meines Arms und meines Mundes gemeinsam haben. Auf und in uns wimmelt es von Vielheiten. Manchmal sind Bakterien, Viren oder Pilze nur Mitreisende, mitunter Partner oder eben Gegner – gelegentlich alles auf einmal. Schwarz-weiß ist das Thema ganz sicher nicht, sondern bunt, vielgestaltig und voller Möglichkeiten. Die Partnerschaft mit unseren Kleinstlebewesen ist ein ständiger Kompromiss, fordert gewisse Opfer im Gegenzug für bestimmte Vorteile.

Jeder von uns ist sein eigener Zoo – eine Kolonie, die in einem einzigen Körper eingeschlossen ist. Ein Kollektiv zahlreicher Arten. Eine ganze Welt.

Ed Yong, Winzige Gefährten, S. 10

Mikrobiologie ist definitiv ein spannendes Forschungsfeld, das vielerlei Fragen zu beantworten sucht. Warum sterben Korallenriffe und wie ließe sich das verhindern? Wieso sind einige Insekten oder Tiere immun gegen Gifte? Was bringt manche Fisch- oder Quallenarten zum Leuchten und welchen Vorteil hat das überhaupt? Wie beeinflusst Muttermilch die Entwicklung von Säuglingen und welche Auswirkung hat es, wenn sie weggelassen wird? Worin unterscheidet sich die mikrobiologische Zusammensetzung eines gesunden, von einem geschädigten Darm und was kann die Medizin daraus lernen? Die Liste ließe sich noch lange Zeit fortführen und ist tatsächlich so bunt durcheinander gewürfelt, wie es den Anschein hat.

Nach seinem Vorwort nimmt uns Ed Yong mit auf eine zehn Kapitel lange Reise zu Oberflächen von Pflanzen, Tieren und Menschen und hinein in ihr gedeihendes Innenleben. Er fordert uns auf, genau hinzusehen. Er mahnt zur Vorsicht bei scheinbar einfachen Lösungen für Probleme, deren Zusammenhänge gar nicht völlig klar sind. Es ist schlichtweg faszinierend, welchen Einfluss Mikroorganismen haben. In seinem wunderbaren Plauderton gelingt es  dem bekannten Wissenschaftsjournalisten Ed Young mühelos, dem Leser seine eigene Faszination zu vermitteln.  Dabei springt der Autor ganz natürlich von einem Thema zum anderen, streift Vererbung und Entwicklung, Umweltprobleme und Krankheitsbilder, Nutzen und Gefahren … Selten fand ich ein Sachbuch gleichermaßen so informativ und unterhaltsam. Winzige Gefährten lässt sich derart gut vorlesen, dass Sprecher und Hörer beide ihren Spaß dabei haben!

Nach dem Lesen weiß ich nun, dass Hygiene oder Antibiotika ebenfalls ihre Schattenseiten haben. Ich habe zum ersten Mal von Architekten gehört, die sich mit dem Mikrobiom von Gebäuden oder ganzen Städten beschäftigen oder von Stuhl-Transplantationen, durch die der Darm von völlig neuen Mikrobengemeinschaften besiedelt werden kann. Und wisst ihr, was mir in Bezug auf dieses Buch noch unter den Fingernägeln brennt? All diese Themen werden von zahlreichen Forschern und Forscherinnen untersucht, deren Arbeit der Autor gekonnt sichtbar macht. Für mich war es besonders beruhigend zu erfahren, wie viele kluge und engagierte Frauen in diesen Bereichen der Forschung arbeiten.

Winzige Gefährten hat alles, was ein populärwissenschaftliches Sachbuch braucht: Information, Unterhaltsamkeit, kritische Betrachtung und einen Autor, der die Leser mit seiner Begeisterung für das Thema ansteckt. Er schildert Mikroben in allen möglichen Facetten und ist vor allem in Bezug auf die Zukunft der Forschung unglaublich optimistisch. Man liest das Buch und ist am Ende gespannt, was allein im Gesundheitssektor die nächsten Jahre und Jahrzehnte alles auf uns zukommen mag. Denn da geht noch was! Das Buch weckt ein Bewusstsein für die mikroskopisch kleine Welt, die uns alle umgibt. Wie eng wir, die Tier- und Pflanzenwelt mit unseren jeweiligen Vielheiten verbunden sind, ist erstaunlich, häufig sogar überraschend. Ihr möchtet mehr darüber erfahren? Sehr schön. Dieses Buch ist schon mal ein guter Anfang.

Katrin

Autor: Ed Yong
Buchtitel: Winzige Gefährten – Wie Mikroben uns eine umfassendere Ansicht vom Leben vermitteln
Übersetzung: aus dem Englischen von Sebastian Vogel
Verlag: Antje Kunstmann

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