Sergeant Sumo kommt in Wallung

© Foto: Karoline, 2018

In ungeduldiger Erwartung des neues Bandes meiner geliebten Agatha Raisin durchstöberte ich neulich die Regale meines Buchhändlers des Vertrauens. Schon kam er mir mit einem dezenten Wink auf ein äußerst beschaulich wirkendes Cover entgegen. Ein Wohlfühlkrimi aus Irland? Meine Neugier war geweckt.

Es war in der Einwohnerschaft von Duneen weitgehend akzeptiert, dass, sollte ein Verbrechen geschehen und es Sergeant Collins gelingen, den Täter festzunehmen, diese Verhaftung wohl kaum eine Verfolgung zu Fuß vorausginge. Die Leute mochten ihn durchaus, […] aber es sorgte dennoch für einige Beunruhigung, dass die Sicherheit im Dorf von einem Mann abhing, dem schon beim Gang zur Kommunion der Schweiß ausbrach.

Graham Norton, Ein irischer Dorfpolizist, S. 9

Sergeant PJ Collins ist nicht dick, er ist fett. Liebevoll umsorgt von seiner Haushälterin mit zwei warmen Speisen pro Tag und gesegnet mit einem äußerst ruhigen Job verlebt der Wohlgenährte seinen eintönigen Alltag. Bis eines Tages auf einer Baustelle ein Skelett mit zerschlagenem Schädel ausgebuddelt wird. Schnell steht für die Bewohner des kleinen Kaffs fest, dass es sich nur um die sterblichen Überreste des vor 30 Jahren verschwundenen Tommy Burke handeln kann. Der floh damals angeblich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, nachdem sich seine zwei Herzdamen auf offener Straße prügelten. Sowohl seine einstige Verlobte, nun unglückliche Ehefrau und Mutter, als auch seine Haushaltshilfe, nun eine vertrocknete alte Jungfer, kamen nie über sein Verschwinden hinweg. Kein Wunder, dass PJ und sein Kollege der Kripo aus Cork (alias „Sergeant Sumo“ und “Der Arsch”) alle Hände voll zu tun haben, um die hochkochenden Emotionen zu beruhigen und den Mörder zu schnappen.

Graham Norton kreiert so tiefgründige wie liebenswerte Figuren, die mich den Mangel an Slapstick, auf den ich eigentlich gewartet hatte, vergessen ließen. Das Buch ist durchaus mit Witz geschrieben, dennoch verleiht er besonders seinem fettleibigen Polizisten eine Würde, wie ich sie nicht erwartet hätte. PJ gibt viel von seinem Seelenleben preis, wie die Gründe seiner Fettleibigkeit und das Misstrauen, das er in den Blicken der schlanken Menschen sieht. Dennoch ist er als Polizist ein Menschenfreund und aufmerksamer Zuhörer geblieben, der auch in der Damenwelt durchaus gefragt ist. Durch seine kompetente und einfühlsame Art verdient er sich den Respekt, der ihm aufgrund seiner Leibesfülle sonst abhandenkommt. Aber auch die Nebenfiguren sind ausgezeichnet charakterisiert: von der einsamen Haushaltshilfe Evelyn Ross, die mit ihren zwei stockfischigen Schwestern einen Hof bewohnt bis hin zur unglücklichen Trinkerin Brid Riordan, die nur durch Alkohol ihrer lieblosen Ehe entfliehen kann.

Ein irischer Dorfpolizist ist eine warmherzige und rundum stimmige Liebeserklärung an die Alltagsgesichter, die mit einer bildhaften Sprache und einem permanenten Augenzwinkern glänzt. Ich ermittelte mit PJ, litt mit Evelyn und Brid und war am Ende froh, dass sich mein Verdacht des Mörders bestätigte. Doch bis dahin gab es so einige Wendungen, die ich gar nicht auf dem Schirm hatte. Der Krimi vermag es auch abseits seines Genres zu begeistern, daher kann ich nur eine generelle Empfehlung an alle aussprechen, denen genau wie mir das Herz bei guten Charakteren aufgeht. Ihr werdet es nicht bereuen!

Karoline

Autor: Graham Norton
Buchtitel: Ein irischer Dorfpolizist
Übersetzung: Aus dem Englischen von Karolina Fell
Verlag: Kindler

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2 Gedanken zu “Sergeant Sumo kommt in Wallung

  1. Bettina schreibt:

    Bin ja selbst eigentlich überhaupt keine Krimileserin, aber bei solchen Wohlfühlsachen könnte ich dann doch mal schwach werden. Wie doll merkt man denn, dass der Roman in Irland spielt?
    Vielleicht ist es ja auch was für eine Urlaubsvorbereitung …

    • Karoline schreibt:

      Die Charaktere sind eben so liebevoll gezeichnet, ein richtiger Cosy Crime. Ich finde den Schauplatz Irland nicht sehr vordergründig… Der Roman fühlte sich eigentlich recht britisch an XD Aber vielleicht hab ich das auch nur wegen Agatha so empfunden. Einem Ländermonat zum Thema Irland wäre ich ja nicht abgeneigt 😉

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