Höre auf die inneren Stimmen?

© Foto: Ilke, 2018

Eines der interessantesten Games, die letztes Jahr erschienen sind, ist  Hellblade: Senua’s Sacrifice. Es ist nicht nur ein Indie-Game, das gleichermaßen Kampf- und Rätselelemente beinhaltet, es beschäftigt sich auch stark mit den Symptomen einer Psychose. Da mir neu erscheinende Spiele oft zu teuer sind, greife ich hin und wieder auf Let’s Plays zurück. Das Spiel hatte mich bereits durch reines Zusehen gefesselt. Als ich einige Zeit später plötzlich durch einen Freund Zugang zur Playstation 4 erhielt und eben jenes Game erblickte,  freute ich mich wie ein Schnitzel, nun selbst  zocken zu dürfen.

Die Spielerfahrung beginnt bereits düster: eine junge Frau paddelt in einem Einboot durch einen Fluss, dessen Ufer nach und nach mit Leichen versehen ist. Begleitet wird sie von mehreren Stimmen, die ihr Handeln kommentieren und ihr mehr oder weniger hilfreiche Tipps zuflüstern. Von diesen Stimmen werden wir die ganze Zeit begleitet werden und es empfiehlt sich, Kopfhörer zu tragen. Bei der Frau handelt es sich um die Kriegerin Senua und sie hat eine Mission: ihr Geliebter Dillion wurde ermordet und sie will in die nordische Unterwelt Helheim, um seine Seele von der Totengöttin Hela zurückzuholen. Um dies erreichen zu können, muss sie zunächst mit verschiedenen Wesen und ihren Handlangern kämpfen und etliche Rätsel lösen. Dabei hilft ihr die Fähigkeit, mehr als andere Menschen in ihrer Umgebung wahrzunehmen. Leicht ist der Weg dennoch nicht, denn sie trägt den Fluch der Dunkelheit in sich. Senua hofft nicht nur Dillion zu retten, sondern auch sich selbst.

So ratlos und einsam, wie sich Senua fühlt, wird man nach der Eröffnungssequenz ins Spiel gelassen. Es gibt kein Interface, keinen Lebensbalken, keine Karte. Man muss sich auf seine Sinne verlassen, die Stimmen, die Geräusche, auf die Vibrationen der Konsole. So entdeckt man langsam die Welt, in die sich Senua begibt und lernt ihre Vergangenheit, ihre Motivation und Ängste kennen. Je mehr man sich umschaut, desto mehr Runensteine kann man entdecken, die Geschichten über nordische Sagengestalten erzählen. Es lohnt sich also, hin und wieder den Weg zu verlassen. An sich läuft das Spiel nach demselben Schema ab: finde eine Tür, die durch Runensymbole verschlossen ist, finde die Symbole in der Umgebung, z.B. in der Silhouette einer Felsformation oder repariere Brücken, indem man die fehlenden Teile aus der Luft zieht, öffne die Tür, kämpfe, gehe weiter. Manch einer mag dies öde finden, ich mochte die Kombination aus dieser Art von Symbolfindung und Kämpfen. Die Grafik ist wunderschön und detailreich, oftmals auch erwartungsgemäß grausig und blutig. Passend zur nordischen Mythologie ist auch die Hintergrundmusik gestaltet. Die Kämpfe sind machbar und für erfahrene Spieler nicht schwierig, Ausweichen und Zuschlagen ist hier Trumpf. Senuas Fähigkeit beinhaltet  den Fokus, der aufgeladen und eingesetzt werden kann, um Gegner langsamer werden zu lassen. Der Druck, einen Kampf gewinnen zu müssen, kommt nicht durch einen kleiner werdenden Lebensbalken zustande, sondern durch das zunehmende Verrotten von Senuas Arm beim Verlieren. Das Spiel bedient sich des Perma-Death, wenn man zu oft verliert erreicht die Dunkelheit Senuas Kopf und alles ist aus und vorbei, der bisherige Spielstand wird gelöscht und man muss von neuem starten.

So gut wie alles in Hellblade: Senua’s Sacrifice hat einen Bezug zu der Psychose, unter der die Protagonistin leidet. Die Stimmen in ihrem Kopf er- und entmutigen sie, lachen sie aus, beleidigen sie, geben hilfreiche Hinweise. Es wird nie klar, ob das, was sie sieht und hört, real oder Einbildung ist. Dementsprechend verwirrend ist das Ende gestaltet, was einen zwar emotional mitnimmt, aber auch mit einem Fragezeichen zurücklässt. All das macht Hellblade nicht nur zu einem gelungenen Spiel, sondern auch zu einer einzigartigen Erfahrung.

Erwähnenswert finde ich die Performance von Melina Juergens, die Senua verkörperte und deren Bewegungen, Mimik und Gestik ins Spiel übertragen wurden. Obwohl sie keine Schauspielerin ist, sondern eher zufällig zur Protagonistin wurde, nimmt man ihr jede Gefühlsregung voll und ganz ab.

Ilke

Entwickler: Ninja Theory
Titel: Hellblade: Senua’s Sacrifice

Publisher: Ninja Theory
Veröffentlicht: 2017

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