Die Kunst des Mordens muss erlernt werden

© Foto: Ilke, 2018

Als ich vor Monaten durch Youtube zappte und auf eine Buchempfehlung stieß, die viel versprach, wanderte der Fantasy-Roman Nevernight: Die Prüfung auf meine Wunschliste. Da verharrte er, gesehen aber unberührt. Das änderte sich schlagartig, als ich nach einer Inspiration für meine Weltenbummler-Rezension suchte und erfuhr, dass der Autor Jay Kristoff aus Australien stammt. War das ein Wink des Schicksals? Ich glaube schon.

Zu Beginn weist der Erzähler der Geschichte daraufhin, dass nachfolgend ein starker Magen und keine Zimperlichkeit erforderlich sind. Schließlich geht es um das Leben der Assassinin Mia Corvere, und Mord und Tod laufen niemals sauber und angenehm ab. Es wird blutig, brutal, derb. Der Erzähler nimmt schon mal vorneweg, dass Mia in der Itreyanischen Republik bekannt und gefürchtet ist, natürlich unter verschiedenen Bezeichnungen. Sie wuchs zunächst als Tochter einer angesehenen Familie der Republik auf, bis ihr Vater wegen Hochverrats hingerichtet und ihre Mutter mitsamt des kleinen Bruders in eine Art Gefängnis auf Lebenszeit verfrachtet wurde. Die damals zehnjährige Mia entkommt knapp dem Tode. Der leicht verschrobene Antiquitätenhändler Mercurio nimmt sie unter seine Fittiche. Den Laden betreibt er nur nebenbei, in erster Linie ist er ein Assassine und gehört der Roten Kirche an. Mia sieht ihre Chance auf Rache an den drei wichtigsten Männern der Republik und lässt sich von ihm in den Grundlagen ausbilden. Doch dies ist nur Vorspiel, mit sechzehn Jahren schickt er sie in den Hauptsitz des Ordens, wo sie die hohe Kunst der Assassinen erlernen soll. Sie trifft auf Freunde und Feinde, Unterstützung und Verrat, schulische und private Herausforderungen. Mit dabei ist stets ihr Begleiter Herr Freundlich, ein Schattenwesen in Gestalt einer Katze, das in ihrem Schatten wohnt. Mia ist zudem eine Dunkelinn, das heißt sie kann die Schatten um sich herum kontrollieren und zu ihrem Vorteil nutzen.

Nevernight: Die Prüfung ist der erste Teil einer Reihe, die aktuell drei Bände umfasst. Um den Einstieg zu erleichtern gibt der Autor eine Übersicht über die Welt und die wichtigen Charaktere. Die Itreyanische Republik befindet sich in einer nicht näher definierten Welt, die von drei Sonnen beschienen wird, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf- und untergehen. Da eine der Sonnen fast ununterbrochen scheint ist die Welt stets von einem Zwielicht erfüllt. Nur einige Male im Jahr geht sie unter und die Menschen feiern das Wahrdunkel, eine Zeit, in der alles geschehen kann und die deshalb auch bei Assassinen beliebt ist. Der Orden, zu dem Mia aufbricht, befindet sich in einem ausgehöhlten Berg, sodass das Dunkel ein stetiger Begleiter ist. In diesem wohnen nicht nur die lehrenden Assassinen, sondern auch verschiedene Gehilfen, von denen einige magische Fähigkeiten besitzen, beispielsweise die Heilung von Wunden oder das Verändern der äußeren Gestalt. Die Assassinenanwärter werden im Schwertkampf, der Giftmischerei, dem Diebstahl und der Verführung unterrichtet. Am Ende steht jeweils eine Prüfung an. Nur vier Anwärter können es schaffen, Klingen zu werden, also echte Assassinen, die übrigen werden entweder auf dem Weg dahin sterben oder enden als Gehilfen im Orden.

Überhaupt lauert der Tod immer und überall, ob nun durch tödliche Prüfungen oder mörderische Mitschüler. Freundschaften entstehen so nur selten und eher oberflächlich. Natürlich darf die obligatorische Liebesgeschichte der Protagonisten nicht fehlen, schließlich hocken Teenager auf engem Raum zusammen. Zum Glück fällt diese recht hintergründig und eher sexuell als romantisch aus, schließlich gibt es ein Ziel, auf dass sie hinarbeiten müssen. Da ist kein Platz für viel Gefühl, zumal niemand wirklich weiß, wem er oder sie vertrauen kann. Mia bleibt trotz ihrer bereits verübten Morde und Kälte sympatisch. Sie ist nicht zimperlich und geht über Leichen. Gleichzeitig besitzt sie so etwas wie Anstand und Empathie. Herr Freundlich gibt wunderbar sarkastische Bemerkungen ab und bringt sie das ein oder andere Mal auf ihren Weg zurück. Am nützlichsten ist vermutlich, dass er Mias Furcht trinken und sie so davon befreien kann.

Der Band endet mit der Prüfung und, damit es spannend bleibt, einem Verrat. Ich würde den ersten Teil als in sich abgeschlossen betrachten, das heißt er endet nicht mit einem Cliffhanger. Das hohe Ziel der Rache ist natürlich noch nicht erreicht und zum Ende hin werden Konflikte und Wendungen für den nächsten Band angedeutet.  Am meisten hoffe ich, in den Folgebänden mehr über die Dunkelinn und die Schattenwesen zu erfahren. Ich fühlte mich beim Lesen gut unterhalten und mochte den Wechsel aus Spannung und Ruhepausen.
Mit dem Lesen des zweiten Teils Nevernight: Das Spiel werde ich aber noch warten, bis auch der dritte Teil in Deutschland erschienen ist.

Ilke

Autor: Jay Kristoff
Buchtitel: Nevernight: Die Prüfung
Übersetzung: aus dem Englischen von Kirsten Borchardt
Verlag: Fischer Tor

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