Überleben in Eis und Schnee

Manchmal könnte man glauben, die Götter der Lektüre senden Zeichen. Da stolpere ich auf der Suche nach neuen Hörbüchern über tausend interessante Titel, nur um dann bei Zwei alte Frauen hängen zu bleiben. Beim ersten Mal bin ich diesem Instinkt allerdings nicht gefolgt und habe mich stattdessen frohen Mutes in ein anderes Buch vertieft. Prompt bekomme ich von meiner Familie eine glühende Empfehlung für die von mir so vernachlässigte Geschichte. Ist ja gut liebe Götter, Wink mit dem Zaunpfahl verstanden. So kamen meine Ohrmuscheln dann doch in den Genuss der Erzählung von Velma Wallis.

Wir befinden uns in der Weite Alaskas, wo eine Gruppe aus dem Volk der Gwich’in Nomaden mit einer schweren Entscheidung ringt. Die Zeiten sind schlecht, die Nahrung ist knapp, der Winter wird hart werden und jeder muss seinen Teil zum Überleben beitragen. Doch es gibt auch zwei Frauen hohen Alters, die dies anscheinend nicht mehr leisten können. Schweren Herzens beschließt der Anführer der Gruppe beide zurückzulassen. Die 75-jährige Sa’ und die 80-jährige Ch’idzigyaak können dies zunächst nicht fassen. Sich selbst überlassen, beschließen sie nicht einfach aufzugeben, sondern sich mit allen Mitteln selbst durchzuschlagen. Keine leichte Angelegenheit, denn sie müssen sich ihrer Stärke erst wieder bewusst werden.

In einem ruhigen und nüchternen Ton, den man von einer viel erfahreneren Schriftstellerin erwarten würde, erzählt Velma Wallis die Geschichte der beiden Alten. Gleich einer Fabel oder einem Märchen, dessen Sätze schon durch reichlich Übung gut eingeschliffen sind, ist der Text gerade für das Zuhören wie geschaffen. Wenn Sa’ und Ch’idzigyaak sich von Lager zu Lager durch die Landschaft Alaskas bewegen, auf die Jagd gehen oder ihr Leben durch die Jahreszeiten der Polarregion bestreiten, lässt es sich problemlos in eine Welt eintauchen, die uns allen fremd ist. Dass die Autorin sich mit ihrem Stoff auskennt steht außer Frage, denn sie beschreibt ihre Heimat und ist selbst in ihrem Volk mit dieser Legende aufgewachsen. Die Landschaft und das Leben in Alaska sind ihr daher wohlbekannt. So profitiert das Buch einerseits unglaublich von ihrem Wissen und bietet andererseits eine Perspektive auf die Traditionen der Gwich’in, die ein Fremder vielleicht nie hätte bieten können.

Einen eigenen Strich hat Velma Wallis der Geschichte trotzdem verpasst. Gerade ihre Figuren sind wesentlich komplexer, als man dies bei einer Legende zunächst erwarten würde. Zu Beginn kennen sich Sa’ und Ch’idzigyaak nur wenig, wissen fast nichts vom Leben der anderen. Erst etwas zögerlich, erzählen sie einander schließlich von ihrer Jugend oder den Männern in ihrer Vergangenheit. So wird auch dem Zuhörer vor Augen geführt, was wir oft aus dem Blick verlieren: Alte Menschen waren nicht schon immer alt. Und alt sein bedeutet nicht gleichzeitig nutzlos zu sein. Auch die zwei Frauen müssen sich daran erst wieder erinnern, haben sie doch die letzten Jahre mit Wehklagen und vielen Beschwerden verbracht, obwohl sie ihr Leben hätten wesentlich eigenständiger meistern können. Es ist eine Freude zu spüren, wie sie aus ihrem reichen Erfahrungsschatz schöpfen, um ein geeignetes Lager zu finden oder stolz auf ihre Geschicklichkeit bei der Jagd sind. Und eine Fabel wäre schließlich keine Fabel, wenn am Ende nicht auch der Anführer der Gruppe Grund hätte, glücklich über das Überleben der Alten zu sein.

Vorgetragen wird die Geschichte von Ursula Illert, die mit ihrer ruhigen, reifen und starken Stimme einen Glücksgriff für Zwei alte Frauen darstellt. Sie liest in einer bedächtigen Geschwindigkeit, bei der man sich das Lagerfeuer problemlos dazudenken kann. An einigen Stellen bringt sie gerade die leise humorvollen oder melancholischen Töne des Textes ausgesprochen gut zum Klingen. Von ihrer Stimme und Velma Wallis Geschichte in das ferne Alaska versetzt, kommt der Zuhörer nur ungerne wieder zu Hause an. Doch gerade dann liegt man wohlig-warm mit Tee und Naschereien daheim und möchte unbedingt mit der eigenen Oma telefonieren. Genau das Richtige also für die kalten Tage!

Bettina

Autorin: Velma Wallis
Gelesen von: Ursula Illert
Buchtitel: Zwei alte Frauen
Übersetzung: aus dem amerikanischen Englisch von Christel Dormagen
Verlag: steinbach sprechende bücher

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