Von der Kunst, sein Leben auf die Reihe zu kriegen

© Foto: Katrin, 2018

Nach allem Trubel rund um die Feiertage hat mich unser
Weltenbummler-Monat als Einstieg ins neue Jahr fast auf dem falschen Fuß erwischt! Aber: auf unser Gastland Schweden war ich glücklicherweise bereits vorbereitet. Immerhin habe ich den Roman Eine zweite Chance schon vor Wochen durchgelesen. Schwedische Autoren sind hierzulande häufig für Krimis bekannt, für die sie definitiv eine Menge übrig haben. Umso mehr habe ich mich gefreut, mit dem Werk  der Autorin Karin Alvtegen einen zeitgenössischen Roman kennen zu lernen. Den Einstieg in ihre Geschichte fand ich zwar etwas zäh, doch manchmal muss man sich selbst und den Protagonisten einfach etwas Zeit geben.

Helena lebt mit ihrer Tochter Emelie mitten im ländlichen Norden Schwedens in einem alten Hotel, das noch lange nicht fertig ausgebaut ist. Ihr Mann hat sie verlassen und ist im fernen Stockholm mit einer neuen Frau zusammen gezogen. Verbittert und allein versucht sie, gleichzeitig die Baustelle instand zu setzen, das Hotel zu führen und ihrer Teenagertochter wieder nahe zu kommen. Etwas weiter entfernt war Anders eigentlich nur auf der Suche nach einer seltenen Gitarre und hatte auf dem Weg dorthin einen Unfall. Als er vom Krankenhaus aus weiter Richtung Norrland fährt, um das Sammlerstück an Land zu ziehen, verschlägt es ihn durch Zufall in Helenas verschlafene Pension.

Zunächst war ich der irrigen Ansicht, es mit einem Liebesroman zu tun zu haben. Dementsprechend war ich während des Lesens etwas irritiert, als die Protagonisten lange gar nicht zueinander fanden. Wo blieb die kurzweilige Unterhaltung? Wo die sonnig-leichte, zart erblühende Liebe, die mir das winterliche Grau erhellen sollte? Ich gebe ja irgendwie Cover und Klappentext die Schuld an meiner Erwartungshaltung. Nachdem ich diese jedoch erst einmal abgeschüttelt hatte, wurde mir das eigentliche Ziel der Autorin klar.

Im wahrsten Sinne des Wortes geht es darum, wie sich ihre zwei Protagonisten Eine zweite Chance verdienen. Dass sie im Laufe der Geschichte aufeinander treffen ist nur folgerichtig. Sowohl Helena, als auch Anders sind gerade an einem Punkt in ihrem Leben, an dem sich etwas ändern wird. Etwas ändern muss. Beide sind in eingefahrenen Denkmustern gefangen und schätzen sich selbst und ihr Umfeld völlig verquer ein. Sie brauchen den jeweils anderen, um sich selbst zu erkennen und wieder in Bewegung zu kommen.

Besonders sympathisch sind die beiden mir zu Anfang nicht gerade gewesen, was mir den Einstieg in die Geschichte ungemein erschwerte. Helena fühlt sich als Versagerin und ist von Selbstmitleid zerfressen. Der arrogante, innerlich völlig kaputte Anders wiederum, kommt mit der Attitüde in den Norden gefahren, mit Geld ließe sich alles kaufen. Während sie in der engstirnigen Nachbarin und Kinderfreundin Anna-Karin eine Art überspitzten Spiegel findet, bekommt er mit dem exzentrischen Aussteiger Verner das volle Kontrastprogramm vorgeführt. Die Geschichten dieser zwei Nebenfiguren waren für mich stellenweise fast fesselnder als der eigentliche Erzählstrang. Durch diese Konstellationen lernen die Protagonisten, was Gewohnheit anrichten kann. Sie erkennen, wie sehr Kindheit und Beziehungen prägen – und wie sehr es manchmal verletzt, wenn man wissentlich die Augen verschließt.

Sprachlich ist der Roman äußerst ausgereift und enthält schöne Wendungen. Während die Charaktere sich entwickeln, schwingt allerdings eine ganze Menge Melancholie mit. Auf die leichte Schulter nehmen lässt sich der Roman daher nicht. Vor allem die Rückblenden haben etwas Bedrückendes an sich. Dementsprechend ist es teilweise etwas schmerzhaft zu lesen, wie es Anders und Helena ergangen ist. Doch umso befreiender ist es, als sie es schaffen, die Last der Vergangenheit endlich abzuschütteln und mit ihrem Leben klar zu kommen!

Ich gebe zu, dass ich einmal aus Abneigung gegenüber den Figuren kurz davor war, mit dem Lesen aufzuhören. Dieser Roman hatte dennoch Eine zweite Chance verdient. Als der Knoten platzte und ich Zugang zu den Charakteren fand, wollte ich unbedingt wissen, wie ihre Begegnung sie verändern würde. Zwar bevorzuge ich geschlossene Handlungsstränge, doch hier kam mir der offene Schluss äußerst stimmig vor.  Immerhin ist es nicht übel, wenn eine Geschichte voller Hoffnung und Tatendrang endet. So bleibt das Gefühl, dass der Roman zwar nicht überragend gewesen sein mag, aber dafür ziemlich herzerwärmend.

Katrin

Autorin: Karin Alvtegen
Buchtitel: Eine zweite Chance
Übersetzung: aus dem Schwedischen von Verena Reichel
Verlag: btb Verlag

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