Verwobene Schicksale

© Foto: Ilke, 2019

Für dieses Jahr habe ich mir mehr oder weniger ernsthaft vorgenommen, meinen SUB abzubauen. Ein Roman liegt da schon seit unserem Ländermonat Japan – also seit Januar 2016. Es wurde also höchste Zeit, mich dem Roman, bestehend aus elf Geschichten, zu widmen.

Das Besondere ist, dass die Geschichten zwar für sich selbst stehen, jedoch auch mit mindestens einer anderen verbunden sind. Meist ist das nur ein kleines Detail, eine flüchtige Randerscheinung, die jedoch in einer anderen Geschichte große Auswirkungen haben kann. Der Roman beginnt mit einer trauernden Mutter, die zum Geburtstag ihres längst verstorbenen Kindes ein Erdbeertörtchen kauft. Im Laden ist kein Verkäufer zu finden, stattdessen führt sie ein nettes Gespräch mit einem anderen Kunden. Durch Zufall entdeckt sie die Inhaberin im Hinterzimmer am Telefon, wie sie mit ihrem eigenen Drama zu kämpfen scheint und in einer der folgenden Geschichten eine Rolle spielen wird. Der Leser begleitet unter anderem eine unscheinbare Jugendliche, die einem kommenden Verlust auf ungewöhnliche Weise begegnen wird, einer Schriftstellerin, die bei einer skurrilen alten Dame mit dunklem Geheimnis wohnt, einem Lederwarenhersteller mit eigenartiger Begierde und natürlich einem Bengalischen Tiger, der einem Sammler als Haustier dient.

Alle Geschichten haben auf die eine oder andere Weise mit Trauer, Verlust und dem Tod zu tun. Dabei sind sie mitunter sehr brutal und blutig, teilweise aber auch subtil und leicht poetisch. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie Verlust und Tod ein ständiger Begleiter sein können und wie sich Schicksale untereinander über mehrere Jahrzehnte hinweg beeinflussen können. Die Sprache ist klar und schnörkellos, manchmal sehr morbide und mitunter auch grausam. Gerade zum Ende hin hatte ich das Gefühl, die Bosheit nicht aushalten zu können, glücklicherweise kamen dann einige schönere subtilere Geschichten. Ich war immer gespannt, wie es weitergeht und wie sich die Story zusammensetzen wird. Wie ein Detektiv habe ich die kleinen Hinweise zu den anderen Kurzgeschichten gesucht.

Das Ende des Bengalischen Tigers ist ein intelligent geschriebener, mit allerlei skurrilen Geschichten versehener Roman, auf den man sich einlassen muss, der einem jedoch Spannung und ein morbides Vergnügen bereitet.

Ilke

Autor: Yoko Ogawa
Buchtitel: Das Ende des Bengalischen Tigers. Ein Roman in elf Geschichten
Übersetzung: aus dem Japanischen von Sabine Mangold
Verlag: Liebeskind

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