Warum bleiben, wenn wir einfach gehen können?

© Foto: Katrin, 2019

Der Roman Walkaway von Cory Doctorow war ein durchdachtes Geschenk . Er wurde mir als positiver Zukunftsentwurf angepriesen, als waschechte Utopie, statt der totgerittenen, allgegenwärtigen Dystopien. Obwohl ich sehr gespannt auf das Buch war, fiel mir der Einstieg nicht ganz so leicht, wie gedacht. Am Ende bekam ich dann aber trotzdem eine packende Geschichte und reichlich Stoff zum Nachdenken.

Mitte des 21. Jahrhunderts ist unsere Welt vom Klimawandel gezeichnet und die Kluft zwischen Arm und Reich hat nahezu perverse Ausmaße angenommen. Staaten werden von Superreichen, den Zottas regiert. Die ganz normalen Bürger leben unter totaler Überwachung ausschließlich  in großen Städten. Mittlerweile ist es möglich, Nahrung, Kleidung, Medikamente oder sogar ganze Gebäude per 3D-Druck zu produzieren. All das ausgefeilte Wissen, samt dazugehöriger Baupläne ist in einem Informationsnetzwerk gespeichert, das förmlich darauf wartet, angezapft zu werden. Doch die Nutzung ist für den Normalbürger stark eingeschränkt, denn hierfür benötigt man Geld. So versucht sich der Großteil der Menschen in einem System hochzuarbeiten, das dies gar nicht zulässt, sondern für totale finanzielle Abhängigkeit sorgt.

Immer wieder bringen die miserablen Lebensbedingungen Walkaways hervor – Aussteiger, die diesem Default den Rücken kehren, um sich in der Ödnis draußen gemeinsam mit anderen etwas aufzubauen. Sie wollen in ihrer neuen Freiheit alles teilen, sodass es jedem gut geht. Bisher wird dies mehr oder weniger geduldet, da unproduktive Individuen dem Staat sowieso nur auf der Tasche liegen würden. Auch die drei Protagonisten Seth, Etcetera und Natalie haben aus ganz verschiedenen Gründen das System verlassen. Noch während sie sich an die ungewohnte Lebensweise der Walkaways anpassen, wird eine Wende in der Haltung der Mächtigen gegenüber den Aussteigern spürbar. Im Untergrund gärt es, denn Walkaway-Forscher arbeiten im Geheimen an einer Entdeckung, die das künftige Leben aller Menschen grundlegend verändern wird und die Alleinherrschaft der Superreichen bedroht.

Ohne große Vorrede schubst der Autor seine Leser in die Handlung und man muss sich zunächt vieles selbst zusammenreimen. Die Prämisse des Buches war für mich dadurch zu Beginn schwer greifbar. Erst durch die immer wieder eingestreuten Diskussionen der Charaktere über Aufbau und Funktion der Gesellschaft wurde mit der Zeit alles etwas verständlicher. Besonders zu kämpfen hatte ich zunächst mit den häufig eingestreuten Anglizismen und erfundenen Begriffen. Dementsprechend dankbar war ich für das kleine Glossar am Ende des Buches. Nachdem diese Hürden jedoch überwunden waren, zogen mich die Geschehnisse in ihren Bann. Richtig heimisch fühlte ich mich zwar nie – dazu fand ich einige der geschilderten Konzepte zu abgefahren – aber weglegen konnte ich das Buch ab der Hälfte auch nicht mehr. Von den drei Aussteigern entwickelt sich Natalie zur Hauptfigur, die mitten in ein großes Geheimnis stolpert und mittendrin ihre große Liebe kennen lernt.

Kern des Romans sind wiederkehrende zentrale Fragen zu Menschlichkeit und Gemeinschaft: Was macht uns zu Menschen? Wie wollen wir leben? Und zwar so, dass es allen möglichst gut geht, dass alle trotz unterschiedlicher Voraussetzungen den gleichen Wert haben. Immer wieder diskutieren Cory Doctorows Protagonisten, wie sich unsere Gesellschaft entwickeln sollte und zeigen, wie vielfältig Beziehungen sein können. Dabei gewinnen digitale Netzwerke als Werkzeug zum Überleben oder zur Weiterentwicklung der Menschheit im Laufe der Geschichte immer mehr an Bedeutung. Diese Ressource zu nutzen oder bei Bedarf eben zu hacken ist Alltag für die Charaktere. Im Text finden sich auch sonst Ideen, die gar nicht so weit hergeholt erscheinen: computergesteuertes Sammeln und Umwandeln von Rohstoffen oder vollständig computerüberwachte Baustellen, die keine Fehler zulassen. Vor allem die Vorstellung von intelligenten Häusern, die komplett auf das Wohlergehen ihrer Bewohner ausgerichtet sind, fand ich bestechend.

Häufig irritierend oder gewöhnungsbedürftig fand ich hingegen die Verhaltensweise der Walkaways. Im Falle einer Bedrohung oder eines Konflikts, gingen sie stets einfach weg. Nicht um etwas zu kämpfen, was man mit viel Mühe aufgebaut hat, kam mir derartig fremd vor, dass ich mich mit dieser Herangehensweise nur schwer abfinden konnte. Damit lässt einen der Autor aber nicht allein, denn das alles wird reflektiert und begründet. Trotzdem wird man als Leser zunehmend paranoid und rechnet mit dem Schlimmsten. All dies ist eine Vorbereitung auf die spätere Eskalation zwischen Walkaways und Zottas.

Im Roman Walkaway passieren tatsächlich sehr viele grausame Dinge, an denen ich zu knabbern hatte. Positive Konzepte stehen jedoch die meiste Zeit über im Vordergrund. Bahnbrechende Erfindungen oder die titelgebende alternative Gesellschaftsform lassen den Leser eine Zeit des Umbruchs erleben. Der Roman kommt dabei realistisch daher, ist äußerst klug geschrieben und präsentiert dem Leser ganz unaufgeregt queere Charaktere und Beziehungen. Das hoffnungsvolle, interessante Ende bleibt auf jeden Fall noch lange nach dem Umblättern der letzten Seite im Kopf.

Katrin

Autor: Cory Doctorow
Buchtitel: Walkaway
Übersetzung: aus dem Englischen von Jürgen Langowski
Verlag: Wilhelm Heyne Verlag München

3 Gedanken zu “Warum bleiben, wenn wir einfach gehen können?

    • Katrin schreibt:

      Ich musste mich regelrecht „hineinlesen“. Irgendwann gab es dann aber diesen Punkt, an dem ich wissen wollte, wie das bloß enden soll. Das Ende ist nicht übel gestrickt. Definitiv interessant.
      Zwischendrin fand ich es nur schwierig, dass die Protagonisten nie richtig zur Ruhe kamen.
      Wobei das bei der Thematik schon wieder passt.
      Die Rezi ohne größere Spoiler drum herum zu verfassen, war gar nicht so einfach. 😉

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