Planlos Richtung Süden

© Foto: Karoline, 2019

Manchmal bekommt man Bücher empfohlen, die man erst einmal zuhause so richtig einstauben lässt. Besonders bei spezielleren Themen brauche ich da einfach die passende Stimmung. Das trifft besonders auf schwere Kost zu. Vor kurzem hatte ich nun die Motivation mir das hochgelobte Werk des viel zu früh verstorbenen Autors Larry Brown zu Gemüte zu führen. Das Warten hat sich in der Tat gelohnt, denn dieser Südstaaten-Roman hat das Zeug zum modernen Klassiker.

Fay ist 17 Jahre alt und gerade von zu Hause abgehauen, nachdem ihr Vater zum wiederholten Male versucht hat, sich an ihr zu vergehen. Schweren Herzens lässt sie ihre jüngeren Geschwister zurück, und fühlt sich dennoch erleichtert und frei. Einen richtigen Plan, wie es nun weitergehen soll, hat sie nicht. Mit zwei Dollar in der Handtasche sind die Möglichkeiten auch etwas eingeschränkt. Ganz unbedarft beginnt sie von einem Leben im warmen Süden zu träumen und versucht zu Fuß und per Trampen an ihr Ziel zu gelangen.

Dies ist der Start einer modernen Odyssee im Südstaaten-Flair. Flimmernder Asphalt und brütende Hitze sind Fays ständige Begleiter auf ihrem langen Weg Richtung Süden. Während ihrer Reise wird sie auf so manch schräge Person treffen. Nicht alle wollen ihr Gutes tun, doch erfährt sie auch Nächstenliebe und Zuspruch. Trotz mehrerer Schicksalsschläge merkt der Leser von Verbitterung bei der jungen Frau keine Spur und genau das war auch der Grund, weshalb mich der Roman nicht verzweifeln ließ. Es passiert so viel Grausames und Ungerechtes, das Fay straucheln, doch nie fallen lässt. Jedes Mal richtet sie sich wieder auf und marschiert beherzt weiter, immer ihrem nicht ganz so klar definierten Ziel entgegen. Durch die eher sporadischen Schulbesuche kann man sie nicht als gebildet bezeichnen. In vielen Belangen ist sie geradezu naiv, doch stets lebensschlau. Eine so starke und dabei menschliche Frauenfigur habe ich selten erleben dürfen, und dazu noch aus der Feder eines Mannes.

Eigentlich passiert auf den 656 Seiten gar nicht viel, denn Fay lebt in den Tag hinein. Mal vagabundiert sie auf der Suche nach Essen und einer Bleibe durch die Straßen, mal hat sie helfende Hände, die ihr eine sorgenlose Zeit bescheren. Dann wiederum endet ein Abschnitt ihrer Reise mit einem riesengroßen Knall, der noch hunderte Seiten nachhallt und weder Leser noch Protagonistin Zeit zum Verschnaufen lässt. Ich kann mich an keinen Teil des Buches erinnern, der mich nicht gepackt hätte. Larry Brown vermag es in einer eindringlichen und bildreichen Sprache eine vielseitige Geschichte zu kreieren, die mich noch lange beschäftigen wird. Elend und Glück können ja so dicht beieinander liegen.

Wer auf die poetische Landschaftsbeschreibung steht und keine Scheu vor dem entbehrungsreichen Leben des sogenannten White Trash hat, dem wird dieses Kleinod der zeitgenössischen Belletristik hoffentlich genauso ans Herz wachsen wir mir.

Karoline

Autor: Larry Brown
Buchtitel: Fay
Übersetzung: aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel
Verlag: Heyne Hardcore

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