Alte Männer im Wald

© Foto: Katrin, 2019

Willkommen in unserem aktuellen Weltenbummler-Monat. Dieses Mal geht es nach Kanada und ich bekam von Karo einen wunderbaren kleinen Roman von Jocelyne Saucier in die Hand gedrückt. Um mein Fazit einmal vorweg zu nehmen: Ein Leben mehr ist meiner Meinung nach ein kleines literarisches Juwel. Dabei klingt die Geschichte selbst gar nicht so außergewöhnlich.

Drei alte Männer leben versteckt in den Tiefen der nordkanadischen Wälder. Das Leben dort ist anstrengend und rau, aber frei. Ihre eigenhändig gezimmerten Häuser stehen gerade weit genug voneinander entfernt, dass sie sich ungestört fühlen können. Dabei hat jeder der drei seine ganz eigenen Motive für die selbst gewählte Zurückgezogenheit. Gemeinsam haben sie nur eines: sie wollen trotz ihres Alters ohne Einmischung irgendwelcher Sozialämter leben – und sterben. Eines Tages ist es mit der Ruhe allerdings vorbei, denn eine neugierige Fotografin steht vor der Tür, um in der Vergangenheit zu graben. Als wäre dies nicht schon genug, taucht auch noch eine zarte 80-jährige Dame im Wald auf. Sie hat ebenfalls ihre Gründe, möglichst spurlos von der Bildfläche zu verschwinden.

Mit gerade 200 Seiten ist der Roman nicht sehr umfangreich. Trotzdem schafft er es mit Leichtigkeit, große Themen zu behandeln. Es geht um Freiheitsdrang und selbstbestimmtes Leben, Altern und Tod, Zusammenhalt, Trauer und Liebe. Dabei umgeben jede der Figuren Geheimnisse, die bei weitem nicht alle gelüftet werden. Vieles wird lediglich angedeutet, einige zarte Situationen wiederum sehr detailliert geschildert.  Dadurch sowie durch die interessante Erzählperspektive bleibt eine angenehme Distanz zu den Figuren erhalten, sodass bei aller Tragik keine große Schwere entsteht. Es fühlt sich an, als würde man die Protagonisten alle schon länger kennen, ohne dass man viel über sie weiß.

Der Schreibstil ist mir besonders aufgefallen. Im Wechsel kommen Haupt- und Nebenfiguren zu Wort, um eine bestimmte Situation aus ihrer Perspektive zu schildern. Dazwischen schaltet sich immer wieder die allwissende Erzählerin ein, um Lücken zu füllen, kurze Rückblicke einzustreuen oder in geraffter Form zu schildern, was passiert. Insgesamt steckt das Büchlein voller prägender Erlebnisse und Veränderungen für seine Figuren. Allerdings schafft es die Autorin, mit Zartheit und Leichtigkeit davon zu erzählen. So lässt sie der Vergangenheit ihrer Charaktere zwar Raum, doch verleiht der geschilderten Gegenwart umso mehr Gewicht. Das Dasein ist kostbar und kann schön sein, denn es ist noch immer Zeit für Ein Leben mehr. Dabei haben alle zentralen Figuren bereits ein ganzes Lebensalter auf dem Buckel. Wie die alten Männer stoisch und gelassen auf das Neue und Überraschende in ihrem träge dahin strömenden Alltag reagieren, liest sich herrlich.

Am Ende kann ich sagen, dass mir beim Lesen von Jocelyne Sauciers wunderbarem Roman warm ums Herz wurde. Die Geschichte ist liebevoll und geradezu unaufgeregt verfasst, obwohl  so einiges passiert und ihre Figuren eine bewegte Vergangenheit hatten. Irgendwie fühlt sich das Buch gleichzeitig federleicht und spröde an, elegisch und golden. Virtuos haucht die Autorin ihren Charakteren Leben ein und überlässt den Leser trotzdem seinen eigenen Gedankengängen. Dieses Buch schafft es, einen direkt ins Mark zu treffen. Wahrhaftig ein seltenes, funkelndes Kleinod.

Katrin

Autorin: Jocelyne Saucier
Buchtitel: Ein Leben mehr
Übersetzung: aus dem Französischen von Sonja Finck
Verlag: Insel Verlag Berlin

Ein Gedanke zu “Alte Männer im Wald

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.