Neues aus Avonlea

Anne with an E Cover

© Bild: Netflix, 2018

Bereits im letzten Jahr hatte ich mich voller Freude in die Serie Anne with an E gestürzt und sie in einem Rutsch verschlungen. Die neueste Verfilmung von Lucy Maud Montgomerys Klassikern der Anne of Green Gables Reihe ging mir aber auch danach einfach nicht aus dem Kopf, machte das spannende Ende der ersten Staffel doch Lust auf mehr. Nur gut, dass wir nun endlich erfahren, wie es weiter geht!

Anne hat in dem älteren Geschwisterpaar Matthew und Marilla Cuthbert eine Familie und auf ihrer Farm Green Gables auf Prince Edward Island ein neues Zuhause gefunden. Die finanziellen Schwierigkeiten des Hofes sind noch nicht überstanden, sodass sie sich dazu entschließen Untermieter aufzunehmen. Das sind allerdings zwielichtige Gestalten, die es trotzdem gut verstehen die Bewohner von Avonlea in Sicherheit zu wiegen. Dann kommt auch noch das Gerücht auf in der Gegend gäbe es Gold und bringt alle in Aufruhr. Weit entfernt auf einem Dampfschiff macht Annes Schulfreund Gilbert Blythe unterdessen die Bekannschaft von Bash, einem schwarzen Kohleschaufler aus Trinidad. Mit gemeinsamen Plänen für die Zukunft von Gilberts Familienfarm kommen beide schließlich nach Kanada zurück. Doch als diese Pläne sich nicht so einfach umsetzen lassen wie gedacht, kommt es zum Streit.

Gekonnt nehmen die Macher der Serie die Stärken des ersten Teils wieder auf. Die Landschaft Kanadas ist bildschön und entsprechend zauberhaft gefilmt, ein griffiger Realismus durchzieht die sonst idealistische Geschichte, Charaktere werden vielschichtig dargestellt und die Figuren sind nahezu durchweg sehr gut gespielt. Gerade die schauspielerische Leistung erlaubt es, dass Annes Tendenz zu Pathos charmant statt nervig erscheint, Marillas stachelige Persönlichkeit verständlich wird und die vielen weiteren Nebenfiguren ein Eigenleben entwickeln. Erst dadurch wirken einerseits die reichlichen herzerwärmenden Szenen zur Weihnachtszeit aufrichtig und man kann andererseits bei dramatischen Wendungen wie der plötzlichen Krankheit von Marilla wahrhaft mitfühlen.

Wie schon im ersten Teil vergisst man als Zuschauer bei Anne with an E nie, dass wir es mit einer neuen Adaption zu tun haben, die mit modernen Augen und Werten auf die Geschichte schaut. Wurden für Anne zuvor manchmal wenig subtile feministische Szenen geschrieben, werden diesmal zusätzlich Homophobie und Rassismus zum Thema. Ein weiterer Besuch bei Josephine Barry macht deutlich, wie deren langjährige Beziehung zu ihrer Freundin wirklich aussah und zu Annes Freundeskreis stößt der künstlerisch gegabte Cole, der bald von sich vermutet anders als andere zu sein. Bash dagegen ist natürlich mit der Diskriminierung gegenüber Menschen seiner Hautfarbe und Herkunft konfrontiert. Er sieht keine andere Möglichkeit sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen als Kohle zu schippen, wird in Geschäften nicht bedient und selbst am Einsteigen in den Zug gehindert.

Manchmal fügen sich diese neuen Elemente nur ungelenk in die klassische Geschichte und den Erzählfluss der Serie. In einigen Szenen gelingen die modernen Einschübe jedoch. Wenn das Ehepaar Barry nach einer totalen Fehlentscheidung darüber spricht in Zukunft gemeinsam zu handeln oder wenn eine Mutter vor der Hochzeit ihrer Tochter den Wunsch äußert das junge Mädchen würde in ihrem Leben mehr als nur Ehefrau werden, funktioniert die Erweiterung der Themen wunderbar. Auch in Bashs Geschichte blitzen diese Szenen auf: Er will in ein Geschäft gehen, muss aber schnell zurücktreten um dem Herauskommenden den Vortritt zu geben; Er hilft kurzerhand bei der Theateraufführung und wird prompt für einen Bediensteten gehalten. Auf diese Art umgesetzt bereichern die neuen Blickwinkel die Klassikervorlage. An anderen Stellen funktioniert das Verweben der Teile jedoch nicht. Dann muss man sich kurzzeitig den erhobenen Zeigefinger gefallen lassen, bekommt allzu offensichtlich Ungerechtigkeiten vorgeführt und hört sich leicht predigende Texte an.

Von derartigen Fehltritten verschont bleibt Miss Stacy, die neue Lehrerin von Avonlea und eine der interessantesten neuen Figuren. Anne with an E profitiert an dieser Stelle eindeutig von ihrer glaubhaft-modernen Charakterzeichnung. Mit der unkonventionellen jungen Frau weht frischer Wind in das kleine Örtchen und die Veränderung bringt allerlei dramatische Situationen mit sich. Obwohl in der Serie sowieso schon so viel los ist, dass man ihr manchmal etwas mehr Ruhe gönnen möchte, entwickelt sich wieder ganz flott eine Sogwirkung, die man gar nicht mehr missen will. Gut also, dass es noch reichlich weiteren Stoff gibt, den es auf die Leinwand zu bringen gilt!

Bettina

Erschaffen von: Moira Walley-Beckett, Lucy Maud Montgomery
Serientitel: Anne with an E
Ausgestrahlt: seit 2017

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