Der raue Charme Neufundlands

© Foto: Karoline, 2019

Für meinen Kanada-Beitrag hatte ich eigentlich nur einen Wunsch: Ich wollte unbedingt mehr über Land und Leute wissen. Zu oft spielt die Handlung beim großen Nachbarn USA und viel zu wenig beim vergleichsweise unscheinbaren Kanada. Zielgerichtet griff ich daher zu Aus hartem Holz von Annie Proulx, nur um es frustriert nach 30 Seiten (von knapp 1.000) wegzulegen. Meine eingerosteten Französischkenntnisse in Kombination mit Frau Proulx‘ ungewöhnlich sperrigem Schreibstil waren einfach zu abschreckend. Als ich jedoch die wunderschöne Taschenbibliothek-Ausgabe ihres Pulitzerpreis-Buches Schiffsmeldungen sah, gab ich uns noch eine zweite Chance – eine ausgezeichnete Entscheidung!

Quoyle ist der Inbegriff eines armen Würstchens. Er ist groß, dicklich, plump mit einem viel zu wuchtigen Kinn, das er stets mit der Hand verdeckt. Schon seine Eltern schienen ihn nicht besonders zu mögen und gaben dem hübscheren (aber gemeineren) Bruder stets den Vorzug. Er ist gefangen in einer unglücklichen Ehe mit Petal, ihres Zeichens notorische Fremdgeherin. Während er sie vergöttert und ihr alles verzeiht, hat sie im Nebenzimmer hemmungslosen Sex mit einer Vielzahl wechselnder Männer. Die beiden gemeinsamen Kinder Bunny und Sunshine sind ihr egal. Eines Tages passiert der Super-GAU: Quoyles Eltern sterben im kollektiven Suizid, während Petal ihn Hals über Kopf mitsamt Kindern verlässt. Bunny und Sunshine verkauft sie an einen Kinderpornographen, um ein wenig Kohle locker zu machen und düst mit ihrem neuen Lover davon – direkt hinein in einen tödlichen Autounfall. Während die Kinder wenig später unverletzt wieder beim liebenden Vater sind, tritt noch eine andere Person in Quoyles zerstörtes Leben: seine Tante Agnis Hamm. Sie ist es, die ihm vorschlägt aus dem stinkenden anonymen New York zu fliehen und ein neues Leben im fernen Neufundland zu beginnen. Dort liegen die Wurzeln seiner Familie und das alte verwahrloste Familienhaus, das die Tante gerne gemeinsam mit ihm wieder aufbauen möchte.

Was für ein schillerndes Kleinod der zeitgenössischen Literatur! Nachdem ich mich auf den ersten Seiten wieder an den recht sperrigen und stichpunktartigen Stil der Autorin gewöhnen musste, erzeugte die tragische Geschichte von Anfang an eine wahre Sogwirkung. Quoyles steiniger Weg Richtung Neufundland dient dem Leser vor allem dazu, die Motivation der einzelnen Personen kennenzulernen. Hier passiert in recht kurzer Zeit eine ganze Menge, während der Hauptpart im kleinen Küstenörtchen Killick-Claw eher einer Charakterstudie der Einheimischen gleicht. Wir beobachten Quoyle dabei, wie er in einer fremden Region Mensch und Natur kennenlernt und sich durch seine neue Arbeit bei der einzigen örtlichen Zeitung einen Platz im Herzen der Gemeinde erobert. Schnell schloss ich seine Kollegen vom Gammy Bird ins Herz: Chefredakteur Tert Card mit einem Gesicht wie körniger Frischkäse, der alte Seebär Billy Pretty (Ressort: Heim und Herd), der Durchreisende Beaufield Nutbeem (Ressort Auslandsnachrichten, Mord und Sexualverbrechen) und natürlich Verleger Jack Buggit. Die täglichen Redaktionssitzungen werden gern auf seinem Boot abgehalten, während der Chef Fisch, Robben oder Hummer fein säuberlich zerteilt.

Ich erlebte bei Schiffsmeldungen hautnah den rauen neufundländischen Alltag, bei dem Freud und Leid ständige Begleiter sind. Fast jeder dieser wunderbar kauzigen Menschen hat ein Familienmitglied, das am Boden des Ozeans begraben liegt. Arbeitslosigkeit prägt diesen Landstrich, der früher fast ausschließlich von der Fischerei lebte. Doch Fangquoten und Überfischung reißen den Bewohnern langsam aber sicher die Lebensgrundlage unter den Füßen weg. Was bleibt ist die Flucht in ferne Städte, auf Bohrinseln oder in den Alkohol. Verbitterung und Hoffnung liegen dicht beieinander, wenn sich riesige Öltanker ihren Weg durch die Küstenregion bahnen. Da das Buch aus dem Jahr 1993 stammt, kann ich nur annehmen, dass die sich Lage in den 25 Jahren wohl eher weiter zugespitzt als entspannt hat.

Mit einer vollen Schiffsladung Gefühl vermag Annie Proulx diesem ganz besonderen Fleckchen Erde Leben einzuhauchen. Das beginnt bei den Kapitelüberschriften, die zu jedem Thema eine passende Seemannsweisheit erklären, und endet bei den so liebevoll kantigen Einheimischen, die mir allesamt ans Herz gewachsen sind. Schiffsmeldungen ist eine einzigartige Hommage an einen vermeintlich kargen Landstrich, auf dem es doch so unglaublich viel zu entdecken gibt.

Karoline

Autorin: Annie Proulx
Buchtitel: Schiffsmeldungen
Übersetzung:
Aus dem Amerikanischen von Michael Hofmann
Verlag: btb

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