Mein Soundtrack: Ode an den Hofkompositeur Kanadas

© Foto: Karoline, 2019

Sehr geehrter Herr Cohen,
(oder darf ich lieber Leonard sagen?)

musikalisch waren Sie stets DER Exportschlager Kanadas, das soll heute honoriert werden. Die ersten zarten Bande knüpfte ich zu Ihnen über das Radio. Meine ganze Familie summte stets mit, wenn Ihr Song Hallelujah durch die Lautsprecher geschmettert wurde. Mal von Ihnen selbst, doch meistens das Cover Ihres Schwiegersohnes Rufus Wrainwright. Gern wurde dieser Dauerohrwurm über Jahrzehnte hinweg immer wieder aufgegriffen und wild interpretiert: ob von anderen Künstlern als Cover (sogar Justin Bieber, ernsthaft?) oder als dramatische Untermalung in Filmen wie Shrek oder Sing!. So melancholisch bis ins Mark verbinde ich persönlich schöne wie auch traurige Erinnerungen mit dieser zeitlosen Melodie. Das haben wahrlich wenig Songs geschafft.

Mit Ihren literarischen Ergüssen bin ich leider nicht so ganz warm geworden. Auch Ihre Kunst hat mein Herz nicht höher schlagen lassen. Aber naja, solche Dinge liegen ja zum Glück im Auge des Betrachters, und somit reichten mir Ihre Kompositionen vollkommen aus. Ihre musikalische Hinterlassenschaft bezieht sich jedoch nicht nur auf animierte Comedy, auch ein viel diskutierter Klassiker bedient sich Ihrer Musik. Natural Born Killers ist vielen aufgrund seiner Brutalität im Gedächtnis geblieben. Bei mir blieben besonders die stimmungsvollen Kontraste hängen. Auch Sie, lieber Leonard, tragen dazu bei. Der Film beginnt in einer staubigen Gegend, in der ein einsames Diner steht. Alles ist etwas heruntergekommen, vom Etablissement bis zur Kellnerin. Ihr Song Waiting for the Miracle ist ruhig, wie das Wetter etwas schwülstig. Woody Harrelson sitzt am Tisch und futtert genüsslich seinen Kuchen, während Juliette Lewis lasziv an der Musikbox zu tanzen beginnt. Zwei Männer betreten das Diner, einer davon nimmt die Tanzende ins Visier. Kurze Zeit später fliegen Patronen und es spritzt das Blut, vollkommen im Kontrast zu Ihrer beruhigenden Melodie. Ihr Song ist der Auftakt zu einem gelungenen Medley, das anschließend rockige und sogar arienartige Töne anschlägt. Doch Waiting for the Miracle hinterlässt den stärksten Eindruck. Ohne das Ende des Films spoilern zu wollen: Ihrem Outro-Song The Future, der über einer Szenerie der Anarchie zu schweben scheint, gelingt der gleiche beeindruckende Widerspruch. Wenn dann der Gospelchor einsetzt, kann ich das nur episch nennen.

Stilistisch erinnerten mich Ihre Lieder stets an Bob Dylan, nur ohne nervige Mundharmonika. Mir gefällt die Ruhe der Songs, eher still als lauthals schreiend, doch stets voller Gefühl. Ihre rauchige Stimme formte diesen einzigartig markanten Sprechgesang, der zu Ihrem Markenzeichen wurde. Nun beende ich meine Hommage ebenfalls etwas melancholisch: Leider sind Sie nicht mehr da, Ihre Songs hingegen bewegen nach wie vor die Menschen. Ist es nicht das, was man sich wünscht, wenn man geht?

Vorbei ist er, der Mai, und mit ihm unser Kanada-Monat. Wir lebten mit alten Männern im Wald, lernten die Tyrannei der Liebe kennen, beobachteten Karottenkopf Anne bei ihren Abenteuern, wanderten mit einem Unglücksraben nach Neufundland aus, entwickelten bei Denki 3000 monstermäßige Erfindungen und ermittelten mit einer blutjungen Hobbydetektivin. Ob das der nächste Weltenbummler-Monat im September toppen kann? Wir sind gespannt.

Karoline

Regisseur: Oliver Stone
Filmtitel: Natural Born Killers
Erscheinungsjahr: 1994

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