Katzenjahre und Gartengrüße

Seit ich in einer Rezension das erste Mal von Takashi Hiraides Buch Der Gast im Garten hörte, schlummerte in einem stillen Winkel meines Kopfes ein neuer Lesewunsch. Dort nistete auch die Idee, dass sich dieser Titel sicher nur an einem schönen Ort oder zu einer besonderen Gelegenheit richtig genießen lässt. Was für ein Humbug! Als ob das Buch nur auf der Sonnenbank im Park oder dem Sessel vor dem Kamin zur Geltung kommen würde. Natürlich blieb die Geschichte durch dieses Hirngespinst jahrelang ungelesen. Doch vor Kurzem schüttelte ich dieses Hindernis endlich ab. Und siehe da: kaum hatte ich das Hörbuch angefangen, wurde selbst der Sitzplatz im Bus zur Leseecke.

Schon einige Zeit wohnen der Autor und seine Frau im komfortablen Teehaus im Garten einer großen, alten Villa in Tokio. Beide sind in den Dreißigern, kinderlos, in der Verlagsbranche tätig und leben sehr beschaulich. Eines Tages sehen sie zum ersten Mal die neue Katze der Nachbarn über das Grundstück spazieren und sind ganz verzaubert. Auch wenn es nicht ihre eigene Katze ist, wird die kleine Besucherin vom Ehepaar Chibi getauft und nach und nach unersetzbarer Teil ihres Lebens. Bald schläft Chibi gelegentlich im Wäscheschrank im Schlafzimmer, bekommt Makrele gebraten und hat durch einen offenen Türspalt Zugang zum Haus. Aus vielen kleinen Beobachtungen des Katzenlebens lässt Hiraide liebevoll und zärtlich ein Bild vom alltäglichen Glück entstehen.

Der Gast im Garten ist eines von den Büchern, die sich einerseits schnell zusammenfassen lassen, deren Zauber sich andererseits gerade auf diese Weise fast gar nicht greifen lässt. Grund dafür mag sein, dass wir es hier eindeutig nicht mit einer rasanten Handlung zu tun haben. Hiraide fängt viel mehr immer wieder die Stimmung eines ruhigen Momentes ein. Vor allem die Nuancen in diesen Stimmungen sind großartig umgesetzt. Ist zu Beginn das Glück mit Katze noch frisch und neu, wird es später von einer fast alten Liebe und zuletzt Melancholie durchzogen. Denn Momente sind natürlich flüchtig und auch ein Katzenleben ist nicht endlos. Diese losen Augenblicke verbindet Hiraide geschickt mit den Jahreszeiten im Garten oder den Veränderungen in der Nachbarschaft und gibt dem Text dadurch einen Rhythmus. Diesem Rhythmus kann man sich als Leser sorgenlos hingeben und die Alltagshektik hinter sich lassen.

Die Geschichte zu hören statt zu lesen, hat mir diesmal besonders viel Freude bereitet. Besonders wenn der Autor den Garten, die Katze oder die Natur beschrieb, schaute ich mich gleichzeitig gern selbst in der Welt um. Vielleicht habe ich allerdings nicht jede von Hiraides Beobachtungen mitbekommen, denn meine Hörbuchausgabe kam leider gekürzt daher. Wegen des episodischen Aufbaus der Vorlage, fiel mir das beim Hören gar nicht weiter auf. Leonard Hohm gibt als Sprecher eine anständige Figur ab und hat eine angenehm tragende und glatte Stimme. Bei der schwierigen Aufgabe auch die japanischen Begriffe vorzutragen, gibt er sich größte Mühe, trotzdem blieb es leider dabei, dass gerade diese Wörter mir als Stolpersteine in der Geschichte auffielen.

Allein wegen Chibi werden Katzenliebhaber natürlich ihre helle Freude an Der Gast im Garten haben, soviel ist sicher. Für alle anderen ist Hiraides Geschichte vielleicht erst auf den zweiten Blick interessant. Denn wer einmal einen Fuß in diese kleine Welt setzt, kann für einige Momente seinen geschäftigen Alltag ablegen, tief durchatmen und einfach nur lächeln. So lässt sich dann in jedem Ort, selbst im Bus, etwas Glück entdecken.

Bettina

Autor: Takashi Hiraide
Gelesen von: Leonard Hohm
Buchtitel: Der Gast im Garten
Verlag: steinbach sprechende bücher

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