Das ABC der American Born Chinese

© Bild: Bettina, 2019

Lieber Gene Luen Yang,

bevor ich je auch nur eine Graphic Novel in der Hand gehalten hatte, wurde ich mit geradezu glühenden Empfehlungen für deine Titel überhäuft. Viele Preise hast du für deine Geschichten gewonnen und wirst von Lesern wieder und wieder hochgelobt. Trotzdem waren deine Comics aus der Avatar Welt meine ersten Berührungspunkte mit deiner Arbeit. Sie haben auf jeden Fall dafür gesorgt, dass ich beim nächsten Besuch der Comicbuchhandlung American Born Chinese mit nach Hause nahm … und in mein Bücherregal stellte. Dort stand es dann und wartete auf die richtige Gelegeneheit um gelesen zu werden. Mit dem China-Monat ist die jetzt endlich gekommen!

Gleich drei Erzählstränge verwebst du in American Born Chinese zu einer Geschichte, die mich jetzt noch beschäftigt. Da ist auf der einen Seite Jin Wang, der einfach ganz normal sein und dazugehören möchte. Das ist gar nicht so leicht, wenn man fast der einzige in der Klasse mit asiatischen Wurzeln ist, schon die Teigtaschen in der Brotdose zu schiefen Blicken führen und man als erstes gefragt wird, ob die eigene Familie Hunde isst. Dann kommt Wei-Chen Sun neu in die Klasse, Jin verliebt sich in eine Klassenkameradin und niemand bleibt von den Tücken des Teenageralters verschohnt. Auf der anderen Seite erzählst du da noch die Geschichte von Danny. Der ist in der Schule beliebt, erfolgreicher Basketballspieler und heimlich in Melanie verschossen. Doch auch er hat mit Problemen zu kämpfen, denn immer wenn sein schrecklicher Cousin Chin-Kee zu Besuch kommt, schämt er sich in Grund und Boden. Chin-Kee ist dabei geradezu der Inbegriff negativer chinesischer Stereotypen. Taucht er auf verändert sich Dannys Leben schon durch bloße Assoziation mit ihm unweigerlich zum Schlechten. Zu guter Letzt hast du sogar fast mythologische Geschichten vom Affenkönig in deine Graphic Novel eingebunden. Dieser Affenkönig möchte nicht einfach nur König sein, sondern ein Gott werden, wird aber schon für den Wunsch und die Behauptung von den anderen Göttern verspottet. So macht er sich auf seinen Status zu beweisen und die Götter zu seiner Annerkennung zu zwingen.

All diese Erzählstränge machen deine Geschichte natürlich sehr interessant und kurzweilig, sie wird dadurch jedoch zeitweise sehr komplex. Zur Orientierung sind die einzelnen Erzählungen zwar schön mit kleinen Einführungsseiten getrennt, doch inhaltlich und thematisch beginnen sie bald ineinander zu greifen. Ich muss zugeben, dass ich nach dem ersten Lesen nicht das Gefühl hatte komplett durchdrungen zu haben, was du mir alles sagen möchtest. Nur die großen Themen wie Identität, Dazugehören, Anpassung und Vielfältigkeit konnte ich für mich eindeutig erkennen. Je mehr ich mich jedoch mit American Born Chinese beschäftigt habe, desto auffälliger waren die wunderbaren Verbindungen, die du überall in dein Buch eingebaut hast. Verbindungen zwischen den Erzählsträngen, die im Endeffekt doch alle zusammenhängen und Verbindungen zwischen Text und Bild, die ich zunächst überlesen hatte. Gerade bei näherer Betrachtung finde ich deswegen beeindruckend, wie dicht und vielschichtig du deine Geschichte erzählst.

Um einige deiner Motive zu verstehen habe ich etwas Zeit gebraucht, da sie mir teilweise einfach nicht besonders geläufig sind. Ist zum Beispiel der Affenkönig aus dem Epos Die Reise in den Westen jedem Chinesen ein Begriff, bleibt er bei uns noch fast gänzlich unbekannt. Die rassistischen Stereotypen, die sich in Chin-Kee vereinen dagegen habe ich traurigerweise fast alle sofort wiedererkannt. Selbst die bildliche Darstellung dieser Karikatur erinnert stark an die Platzhalterfiguren, die ich bereits aus anderen Comics kenne. Durch deine anderen Charaktere bekomme ich aber auch einen Einblick in etwas, dass ich selbst noch nie erlebt habe: nicht zur Mehrheit zu gehören. Das ist schwer zu vermitteln und schwer zu verstehen. Umso löblicher, dass du es versuchst und umso schöner, dass es dir bei mir gelungen ist.

American Born Chinese gehört sicher zu den Büchern, die es sich lohnt mehrfach zu lesen. Wie beim Baden im See hält man zunächst kurz den Fuß ins Wasser und kann dann entweder langsam hineinsinken oder mit einem großen Sprung ganz eintauchen. Ist man dann einmal auf den Geschmack gekommen, hält einen nichts mehr. Mich zumindest hat die Graphic Novel so beschäftigt, dass ich sie unbedingt ganz verstehen möchte. Auch wenn ich das bis heute noch nicht tue, freue ich mich schon auf das nächste Mal Lesen, denn da lässt sich garantiert etwas Neues entdecken!

Bettina

Autor: Gene Luen Yang
Buchtitel (eng.): American Born Chinese
Verlag (eng.): First Second

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