Von Freud und Leid des Feinschmeckens

© Foto: Ilke, 2019

Diesen Monat habe ich mich recht schwer getan, ein geeignetes Buch zu finden. Nahrung und Genuss sind immer gute Themen, dachte ich, und so griff ich zum Roman Der Gourmet.

Der Gourmet ist ein Mann namens Zhu Ziye und nicht etwa der Protagonist des Buches, sondern dessen Feind. Er steht für alles, was Gao Xiaoting verabscheut: Faulheit, Gefräßigkeit, Kapitalismus. Das Schicksal, oder eher diverse gesellschaftliche Umbrüche in China, sorgt dafür, dass sich ihre Leben stets kreuzen. Zu Beginn der Geschichte ist Gao ein Schüler, der in ärmlichen Verhältnissen lebt und für Zhu Ziye Botengänge erledigt. Als junger Erwachsener zieht er in den Kampf für den Kommunismus und wird Parteifunktionär. Seine zugeteilte Funktion gefällt ihm jedoch gar nicht: ausgerechnet in dem Feinschmecker-Restaurant, in dem Zhu Ziye stets speiste, soll er nun Geschäftsführer werden. Dies nutzt er, um alles dort umzukrempeln: keine teuren ausgefallenen Speisen, sondern günstiges Essen für die Massen. Was zunächst gut ankommt, wird jedoch einige Jahre nach der Großen Revolution zum Verhängnis. Doch davon lässt sich Gao nicht unterkriegen.

Der Roman umfasst gerade mal 173 Seiten, in denen die Ereignisse eines Zeitraumes von ca. dreißig Jahren beleuchtet werden. Dabei handelt es sich um Schlüsselmomente im Leben von Gao Xiaoting und Zhu Ziye bzw. Stationen, in denen sich die Leben der beiden kreuzen. Private Ereignisse von Gao finden hingegen nur kurz Erwähnung in einem Nebensatz, was mich schon etwas irritiert hat. So erfährt der Leser beispielsweise nur nebenbei, dass er plötzlich Frau und Kind hat oder mehrere Jahre ins Land gezogen sind.

Gao und Zhu haben grundverschiedene Einstellungen zum Leben und gegensätzliche Tugenden verinnerlicht. Gao ist Verfechter des Kommunismus, er schätzt Genügsamkeit, Fleiß, Tüchtigkeit, einfaches Essen. Das Leben des Gourmet hingegen besteht nur aus dem Genuß des feinsten Essens. Seine nie endende Geldquelle sorgt dafür, dass er es sich leisten kann, nichts anderes zu tun als zu Essen und sich zum nächsten Restaurant chauffieren zu lassen. Beide Männer können sich nicht leiden, schaffen es jedoch im Laufe der Zeit, voneinander zu lernen und erkennen den Wert und den Nutzen des anderen für einen selbst an.

Obwohl Zhu kein sympatischer Zeitgenosse ist, mochte ich ihn aufgrund seiner Liebe für Speisen mehr als Gao. Es ist für mich immer wieder seltsam, ein Buch zu lesen, mit dessen Protagonisten ich mich so gar nicht identifizieren kann. Die Schreibweise des Romans ist mir etwas zu nüchtern, passt jedoch gut zum Inhalt. Nur die Hoffnung auf eine weicher werdende Persönlichkeit ließ mich am Ball bleiben. Belohnt wurde ich dann mit der vorzüglichen Beschreibung nationaler chinesischer Spezialitäten und einer gut formulierten Gesellschaftskritik.

Ilke

Autor: Lu Wenfu
Buchtitel: Der Gourmet
Übersetzung: aus dem Chinesischen von Ulrich Kautz
Verlag: Diogenes

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