Es regnet, es regnet, Chinas Erde wird nass

Pearl S. Bucks Roman "Die gute Erde" auf einem Holzpfeiler stehend vor einem grünen Feld

© Foto: Karoline, 2021

Für unseren Weltenbummler-Monat rund um China habe ich diesmal etwas geschummelt. Um meinen Schuber der Schande weiter abzubauen, griff ich gezielt zur amerikanischen Autorin Pearl S. Buck. Für ihren Klassiker rund um die chinesische Familiensaga Die gute Erde erhielt sie 1931 den Nobelpreis für Literatur. Doch die 30er sind lange her, die literarischen Geschmäcker haben sich gewandelt. Hatte ich es mit einem vor Klischees triefenden Schmöker oder doch mit brandaktuellen Themen zu tun?

Wang Lung wünscht sich nichts sehnlicher als eine Ehefrau und Kinder. Doch er ist ein armer Bauer und auf dem Brautmarkt daher wenig gefragt. Für ihn kommt daher nur ein Sklavenmädchen aus gutem Hause infrage. Zu gut darf sie nicht aussehen, denn dann wird sie teuer. Als Augenweide könnte sie außerdem schon von den feinen Herren befleckt worden sein. Also wird es das grobknochige, einfache Mädchen O-Lan aus der Küche. Wang Lung kann sein Glück kaum fassen, denn O-Lan ist genau die arbeitsame Gefährtin, die er sich gewünscht hat. Sie kümmert sich um seinen alten Vater, der mit im Haus wohnt. Sie arbeitet auf den Feldern und schenkt ihm Söhne. Auch wenn sie nicht die Schönste und sehr wortkarg ist, so ist sie ihm gegenüber stets loyal und lenkt den unbedarften Bauern oft in kluge Richtungen. Der treuste Begleiter ist jedoch seine gute Erde. Das Stück Land, das er bestellt, bietet ihm Schutz, Nahrung, eine Lebensgrundlage für sich und seine Familie. Selbst als es ein ganzes Jahr nicht regnet und alle Saaten vertrocknen, sie in den Süden fliehen müssen, um zu überleben, kann er nur an sein Land denken. Nachdem Wang Lung dieses Tal der Tränen durchschritten hat, ist es sein Land, das er mehrt und das ihm zu Wohlstand verhilft. Er könnte ein reicher und glücklicher Mann sein, doch nicht jeder in seiner Familie liebt seine heilige Erde so sehr wie er.

Der Kernaspekt, wieso ich mir gerade Die gute Erde gegriffen habe, war die Biografie der Autorin. Pearl S. Buck ist zwar gebürtige Amerikanerin, als Tochter von Missionaren ist sie jedoch im fernen China aufgewachsen. Sie lernte diese beiden vollkommen unterschiedlichen Welten kennen und hatte die Möglichkeit von beiden zu profitieren: Der amerikanische Schreibstil sicherte ihr ein großes westliches Lesepublikum, während die Thematik des fernen Ostens etwas Neues, Unbekanntes darstellte. Ihre Schreibweise ist schnörkellos und geradlinig, sodass die Seiten für mich nur so dahinflogen. Ruhige Lebensabschnitte werden in einem Absatz abgearbeitet, aufwühlende Zeiten strecken sich über mehrere der insgesamt 34 Kapitel. Die Autorin enthält sich jeder Wertung, sondern dokumentiert lediglich Wang Lungs Gedanken und die damaligen Konventionen. Da wurde die Frau eben als Besitz angesehen, da wurden frisch geborene Mädchen schon Sklavinnen genannt, da wurden rote Eier als Glücksbringer an Nachbarn verteilt – aber eben nur, wenn ein Junge geboren wurde. Schonungslos legt sie offen, wie wenig Rechte Frauen hatten: Dass die weiblichen Bediensteten sich nicht gegen Männer wehren durften, ohne Konsequenzen zu fürchten, dass aber auch die Männer in Verhaltensregeln gefangen waren. So war es Wang Lung nicht möglich, seinen faulen kriminellen Onkel aus seinem Haus zu werfen, denn die ältere Generation musste um jeden Preis respektiert werden.

Mit ihrer durch und durch menschlichen Beschreibung des Lebens eines kleinen chinesischen Mannes stieß die Autorin auch direkt in ein Wespennest: Denn die Amerikaner waren in den 30er Jahren nicht gut auf die Asiaten zu sprechen. Zu viele arme Einwanderer in einer Wirtschaftskrise, in der es viel zu wenig Arbeitsplätze gab. Es ging sogar so weit, dass es Amerikanern verboten war, chinesische Kinder zu adoptieren. Wenn man dem Vorwort von Tilman Spengler Glauben schenken kann, so wurde die Autorin auf beiden Seiten nicht geliebt. Den Amerikanern gefiel der asiatische Schauplatz nicht. Gab es nicht in Amerika genug Fläche, um die gesellschaftskritische Handlung in der Heimat spielen zu lassen? William Faulkner und John Steinbeck haben doch gezeigt, dass es funktioniert. Aber auch bei den Chinesen erntete sie Kritik, denn immerhin war sie Amerikanerin. Wie konnte sie es wagen, als weiße Westlerin das Leben eines fremden Landes darzustellen?

Nun, Pearl S. Buck schien es keinem der Kritiker recht machen zu können. Dennoch verkaufte sich ihr Werk millionenfach und ist auch heute noch in den Klassiker-Abteilungen zu finden. Die politischen Wogen haben sich etwas geglättet, und somit kann ich mir 88 Jahre später ihren Roman durchlesen und einen spannenden Einblick in ein China im Umbruch werfen. Mit Chinesen, die die gleichen Probleme hatten wie alle anderen und die mich mitleiden ließen, wenn es ihnen schlecht ging. Für die ich mich freuen konnte und bei deren Rollenverständis ich mit dem Abstand der Jahre nur den Kopf schütteln konnte. Die gute Erde ist der erste Teil einer Trilogie und endet mit einem recht fiesen Cliffhanger. Mir bleibt nun wohl nichts anderes übrig, als mir auch Söhne und Das geteilte Haus zeitnah zu Gemüte zu führen.

Karoline

Autorin: Pearl S. Buck
Buchtitel: Die gute Erde
Übersetzung:
ins Deutsche von Robby Remmers
Verlag: Axel Springer AG

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