Ach wie gut, dass niemand weiß …

Spinning Silver Cover

© Bild: panmacmillan, 2019

Es ist Oktober, die Tage werden kälter, die Bücherstapel für das gemütliche Lesen am Abend liegen bereit und die Teevorräte sind aufgestockt. Seitdem mir Naomi Noviks neuestes Werk in die Hände fiel, warte ich auf genau diesen Moment, um mich endlich erneut in eine ihrer von Märchen inspirierten Welten zu wagen. Schon ihr Buch Uprooted hatte mich damit in Versuchung geführt, am Ende jedoch leider nicht ganz zufrieden zurückgelassen. Beim zweiten Anlauf wurde ich nun aber mit Spinning Silver belohnt!

Spinning Silver verbindet die Geschichte von gleich drei sehr unterschiedlichen Mädchen. Zunächst ist da Miryem, Tochter eines gutherzigen Geldverleihers in einem kleinen Dorf. Trotz seines Berufes bringt Miryems Vater es nicht über sich, das verliehene Geld bei seinen Schuldnern wieder zurückzufordern und die Familie Mandelstam lebt in Armut. Als ihre Mutter erkrankt und sie sich keine Medizin leisten können, nimmt Miryem es selbst in die Hand und beginnt Münzen einzutreiben. Darin ist sie so erfolgreich, dass bald gesagt wird, sie könne Silber in Gold verwandeln. Dies hört der König vom gefürchteten magischen Volk der Staryk und stellt sie auf die Probe.

Die zweite im Bunde ist Wanda, die aus dem selben Dorf wie Miryem stammt. Sie wird von ihrem brutalen Vater unterdrückt und weiß nie wo sie die nächste Mahlzeit für sich und ihre Geschwister hernehmen soll. Eine Möglichkeit zur Flucht aus der misslichen Lage bietet sich, als plötzlich Miryem vor der Tür steht und die Schulden des Vaters zurückgezahlt werden müssen. Wanda soll die Schulden nun als Magd bei Miryems Familie abarbeiten. Kaum hat Wanda sich an das gute Leben bei den Mandelstams gewöhnt, kommt es bei einem Streit mit ihrem Vater zur Eskalation.

Und dann ist da noch Irina, die wenig beachtete Tochter eines einflussreichen Adligen. Ihr Vater ersteht einige Stück an kostbarem Schmuck aus nahezu magischem Silber. Damit verzaubert sie den jungen Zaren Mirnatius bei seinem Besuch so sehr, dass er sie heiratet. Über Mirnatius wird einiges gemunkelt und bald stellt Irina fest, dass er unter dem Einfluss eines mächtigen Dämonen steht, der auch sie verzehren will. Um ihr eigenes Leben zu retten, beginnt Irina mit der Suche nach einem Weg den Dämonen zu besiegen.

Die oberen Abschnitte zeigen sicher schon eines: Hier passiert eine ganze Menge. Die Geschichte schreitet dabei durchgehend mit angenehmem Erzähltempo voran, ohne dass Naomi Novik je eine ihrer Figuren aus den Augen verliert. Bemerkenswert finde ich, wie raffiniert sie die Geschichten von Miryem, Wanda und Irina verflicht, sodass sich ein dichtes Gewebe an Entscheidungen, Motivationen und Handlungen ergibt je mehr der Leser sich dem Höhepunkt der Geschichte nähert. Damit bleibt das Ende spannend und zu einem gewissen Grad unvorhersehbar. Eine gute Portion Spannung entsteht auch dadurch, dass wir es hier mit gekonnt gezeichneten Figuren zu tun haben, die zwar einerseits Märchenarchetypen sein könnten, andererseits aber alle ein bisschen Charakter abbekommen, der sie von anderen unterscheidbar macht. Wanda ist zunächst unsicher, Miryem etwas kaltschnäuzig und Irina versiert im Bemerken von Nuancen.

Überaus gut hat mir gefallen, wie pragmatisch die Heldinnen, jede auf ihre Weise, vorgehen und wie nachvollziehbar die Handlung dadurch bleibt. Hier fällt niemand in Ohnmacht, wartet auf Rettung oder reagiert unbegründet emotional. Stattdessen werden Pläne ausgeheckt, kräftig angepackt oder eben der Gegner ausgetrickst. Nicht nur die Hauptfiguren wachsen über die Klischees hinaus, auch den Nebencharaktern wird diese Ehre zuteil. Mirnatius will eigentlich gar nicht Zar sein, Miryems Großvater unterstützt sie erst stolz in ihrem neuen Metier und dann besonnen bei schweren Entscheidungen und Irinas Vater ist zwar mit militärischen Erfolgen zu seiner Position gekommen, will sich aber nicht wieder und wieder in blutige Konflikte stürzen. Mit am geglücktesten ist die Darstellung der Staryk, die sich wirklich wie ein anderes Volk verhalten, anderen Regeln folgen und andere Erwartungen haben.

Mit der Lektüre von Spinning Silver auf den Herbst und Winter zu warten, stellte sich schnell als die richtige für mich heraus. Naomi Novik fängt ganz hervorragend die Atmosphäre ihrer großartigen Welt ein und bringt sie zu Papier. Die Kapitel sind durchströmt von osteuropäischer Folklore, russischen Motiven und winterlichen Bildern. Die eisige Welt der Staryk, schaurige Schlittenfahrten, warme Abende am Feuer im kleinen Häuschen, verlassene Hütten mitten im Wald und die prachtvollen Räume des Zaren tun ihr Übriges. Zu etwas ganz Besonderem wird die Stimmung in Spinning Silver vor allem durch Miryems Umgebung. Denn von Anfang an ist sehr klar, dass es sich bei den Mandelstams um eine jüdische Familie handelt. Das beeinflusst nicht nur die Geschichte, sondern mischt auch neue und gerade für Fantasyliteratur untypische Elemente in Naomi Noviks Erzählung.

Wurden meine Erwartungen bei Uprooted etwas enttäuscht, hat Spinning Silver sie meilenweit übertoffen. Ich empfehle es nun also haltlos jedem, egal ob er sich bereits nach dem Winter sehnt oder jetzt schon mit den Zähnen klappert und in Decken eingehüllt im Lieblingssessel sitzen möchte. Für mich heißt es nun abwarten und Tee trinkend auf das nächste Buch von Naomi Novik warten. Wenn sich der Trend fortsetzt, erwartet mich Gutes!

Bettina

Autorin: Naomi Novik
Buchtitel: Spinning Silver
Verlag: Macmillan

Ein Gedanke zu “Ach wie gut, dass niemand weiß …

  1. Buchperlenblog schreibt:

    Hallo!
    Ich erwarte die kalte Jahreszeit auch immer voller Ungeduld, weil nun endlich auch im Herzen die Zeit für Märchen anbrincht. Man verbindet diese Art der Geschichten eben doch mit Schnee und Eiseskälte, warmem Tee und Kuscheldecken. Deine Rezension hat mich unglaublich neugierig gemacht, die Welt rund um Miryem und die anderen beiden zum greifen nah – wird notiert, aber prompt!

    Liebe Grüße!
    Gabriela

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