Schon mal einen Hecht gefangen?

© Foto: Karoline, 2020

Mein Buchhändler des Vertrauens hat wieder einmal zugeschlagen. Ich bin nun ein paar Euro ärmer, aber umso reicher an neuen Buchschätzen. Einer davon ist Sal. Ich kaufte es blind und las mir auch den Klappentext zur Sicherheit nicht durch, sondern wollte unvoreingenommen an diese Empfehlung herangehen. Ein Glück, denn Sal half mir aus einer wirklich qualvollen Leseflaute und beflügelte meine Literaturgelüste von Neuem!

Sal ist zehn Jahre alt, als der dauerbetrunkene und kiffende Freund der Mutter sie zum ersten Mal vergewaltigt. Jahrelang erträgt sie es stumm, denn ihre alkoholkranke Mutter ist nur mit sich selbst beschäftigt. Das Jugendamt ist ebenfalls keine Hilfe, denn sie würden Sal nur von ihrer kleinen Schwester Peppa trennen und in eine Pflegefamilie stecken. Als der Kleinkriminelle eines Abends verkündet, dass bald Sals geliebte Peppa an der Reihe wäre, fasst sie einen Entschluss: um jeden Preis muss sie verhindern, dass Peppa etwas zuleide getan wird. Über ein ganzes Jahr hat Sal bereits Youtube-Videos studiert und mit geklauten Kreditkarten Survival-Utensilien im Internet bestellt. Ihr Ziel: mit ihrer Schwester in die Schottischen Wälder fliehen, wo sie niemand finden und voneinander trennen kann. Werden sie es schaffen, den kalten Winter im Freien zu überleben?

Zugegeben, die Inhaltsangabe klingt nicht auf Anhieb nach einem Wohlfühlroman. Doch steckt dieses kleine Büchlein voller Wärme. Die Liebe der Schwestern zueinander ist schier grenzenlos. Da sie sonst niemanden haben, geben sie sich gegenseitig Halt. Während Peppa der dauerhungrige Wildfang mit flottem Mundwerk ist, so ist Sal die kluge, durchdachte Planerin. Beide ergänzen sich wunderbar und lernen jeden Tag aufs Neue, wie man sich die Natur zunutze machen kann. Sei es nun aus Ästen eine Hütte zu bauen, ein Lagerfeuer zu entzünden, Hasenfallen zu legen oder Fische zu angeln. Das naturverbundene Leben ist für beide Herausforderung und Befreiung gleichermaßen. Zur Seite steht ihnen eine alte Dame namens Ingrid. Sie selbst ist vor Jahren als Aussteigerin in die Wälder gezogen und gibt ihr Wissen wie eine liebe Großmutter an die Mädchen weiter. Abends am Lagerfeuer berichtet Ingrid schließlich von ihrem ereignisreichen Leben. Das ist doch besser als jede Gute-Nacht-Geschichte, oder?

Wie der Titel Sal schon verrät, ist der Roman aus der Sicht seiner gleichnamigen Protagonistin geschrieben. Sals Gedanken sind geprägt von ihren Vorkehrungen rund um die Flucht. Egal ob sie sich bei den Youtubern und Outdoor-Spezialisten Ed Stafford, Raymond Paul Mears oder Bear Grylls Inspiration holt oder betont wieso sie sich gerade für Hally Hansen-Klamotten, Vibram-Sohlen oder das Bear Grylls-Messer entschieden hat. In gelegentlichen Flashbacks lässt sie uns an ihrer Vergangenheit teilhaben und erklärt wieso die jetzige Situation erst eintreten konnte. Durch das erlebte Elend ist sie ein untypisch ernstes Kind. Sie übernimmt die Mutterrolle für ihre kleine Schwester. Es scheint, als ob sie niemand sonst zum Lachen bringen könnte. Das alles macht den Charakter einerseits recht sperrig, aber andererseits für mich umso interessanter.

Sal ist keine leichte Kost. Dennoch konnten diese beiden so unterschiedlichen Schwestern sich in mein Herz schleichen. Ich litt und ich lachte mit ihnen, genau wie der Autor es gewollt hat. Eine bittersüße Geschichte, vernichtend und lebensbejahend gleichermaßen, die ich allen Lesefreunden nur wärmstens ans Herz legen kann!

Karoline

Autor: Mick Kitson
Buchtitel: Sal
Übersetzung: Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

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