Der sexy Meermann und die Jungfrau in Nöten

© Foto: Karoline, 2021

Schon ewig befand sich Fische von Melissa Broder auf meiner Leseliste. Den Klappentext musste ich gar nicht erst lesen. Allein das Cover der schönen Frau, die sich erotisch an einem Fisch rekelt, entfachte meine Fantasie. Ging es hier um eine Liebesgeschichte zwischen einem Meereswesen und einem Menschen, wie bei Shape of Water? Oder steigerte ich mich in abwegige Fantasien hinein? Ich wollte es unbedingt herausfinden und lieh mir das Buch von einer lieben Freundin.

Lucy ist 38 und nach acht langen Jahren Beziehung frischer Single. Eigentlich wollte sie das gar nicht… Oder doch? Glücklich war sie mit ihrem Freund schon lange nicht mehr und so ergab eines Tages ein Wort das andere. Doch so ganz allein wollte sie dann auch nicht sein. Wer konnte denn ahnen, dass auch er unglücklich in der Beziehung war und dankbar ihre Entscheidung aufgreifen würde? Nun muss sie sich wohl oder übel aus ihrer Komfortzone begeben. Dass ihr monatlicher Geldfluss versiegt, verbessert die Lage nicht unbedingt. Seit Jahren kassiert sie Fördergelder für das Schreiben ihrer Doktorarbeit und kommt doch kein Stück voran. Wozu auch? Niemand wollte je Ergebnisse sehen und auf einmal soll sie bis Ende des Semesters eine fertige Arbeit vorlegen. Wie stellen die sich das eigentlich vor? Da ist ein Nervenzusammenbruch doch vorprogrammiert. Okay, dass sie ihrem Ex die Nase blutig gehauen hat, nachdem sie ihn mit einer Kollegin erwischt hat, ist die eine Sache. Aber orientierungslos und schlafend  in einem mit Donuts besudelten Auto gefunden werden, eine andere. Als ihre einzige noch lebende Verwandte, Schwester Claire, ihr also anbietet, für ein paar Monate in ihr kalifornisches Strandhaus zu ziehen, sagt Lucy nicht nein. Während Claire mit ihrem Mann in Frankreich ihre Shakren reinigt, soll Lucy den heiß geliebten, diabetischen Hund/Kinderersatz Dominic hüten und regelmäßig eine Gruppentherapie besuchen. Der felsenfeste Entschluss ihre Doktorarbeit endlich zu beenden, ist schnell passé, die anderen Therapiemitglieder sind Lucy zu abgedreht, und Dominic kann die Liebe eines echten Mannes einfach nicht ersetzen. So stürzt sich die psychisch dezent instabile Lucy in diverse Fantasien, von denen eine abstruser ist als die andere.

Ich weiß nicht was ich von Fische erwartet hatte, doch hinterher war ich fasziniert, amüsiert, erstaunt, angeekelt und konsequent unterhalten. Protagonistin Lucy, die uns ihr Leben schildert, ist alles andere als eine verlässliche Person. Sie ist eine verworrene Mischung aus Faultier und Klammeraffe. Das Verlassen ihres seit Jahren gepflegten, wenn auch langweiligen Tagesablaufs, wirft sie komplett aus der Bahn. Eigentlich wollte sie nur mehr Aufmerksamkeit und Liebe haben, stattdessen wird sie mit Verlust und Ablehnung konfrontiert. Sie ist sich selbst nicht genug und benötigt permanent Bestätigung von außen. In Kombination mit ihrem trockenen Humor war das zu Beginn durchaus unterhaltsam, aber mit der Zeit auch etwas anstrengend. Man möchte ihr so gerne in den Hintern treten und sie anschreien, dass sie sich zusammenreißen und nicht für ein wenig Aufmerksamkeit so erniedrigende Dinge tun sollte. Eine starke Frauenfigur sieht echt anders aus. Aber auch solche Menschen gibt es und sie sind es durchaus wert, über sie zu lesen. Genau wie im echten Leben ist Lucy manchmal liebenswert, manchmal aber auch eine richtige Egoistin. Ihre Bindungsstörungen beschränken sich nicht nur auf das männliche Geschlecht, sondern auch auf ihre Schwester und Freundschaften, die sie in der Therapie geschlossen hat.

Total abstrus wird es jedoch, als Lucy Theo kennenlernt. Während sie des Abends am Felsen sitzt und auf den Ozean blickt, kommt er galant angeschwommen und führt Gespräche mit ihr. Schnell knistert es erotisch zwischen ihnen und eines führt zum anderen. Er ist aufmerksam, liebevoll und leidenschaftlich. Doch Theo ist kein normaler Mann. Was ist er? Ein Fabelwesen? Eine Halluzination? Ein Traum? Ein Symbol?

Auch wenn ich grundsätzlich sehr von Melissa Broders Werk angetan bin, so hätte sie meiner Meinung nach Kapitel 42 ruhig auslassen können. Wer sich schnell ekelt, sollte hier auf jeden Fall direkt zum nächsten Kapitel wechseln. Ebenfalls ist der Grad an Fremdscham kaum zu überbieten. Diesbezüglich empfindsame Gemüter werden von Anfang bis Ende arg strapaziert. Leider ging Frau Broder ab etwa der Hälfte des Buches die kreative Puste aus, sodass der Roman von einem möglichen Highlight des Jahres auf ein Mittelmaß absackte. Mein Fazit ist daher: Fische ist definitiv nichts für Zartbesaitete und bietet dennoch kurzweilige wie humorvolle Unterhaltung rund um die First-World-Problems einer Frau mittleren Alters.

Karoline

Autorin: Melissa Broder
Buchtitel: Fische
Übersetzung: Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Bonné
Verlag: Ullstein

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