Grusel bis das Blut spritzt …

© Foto: Karoline, 2020

Wie immer zu einem Ländermonat durchstöberte ich die gängige Literatur nach ein paar Klassiker-Schmankerln. Bei den Iren fiel mir das durchaus nicht schwer. Da ich bereits vor einigen Wochen das Filmepos von Francis Ford Coppola rund um den dauerdurstigen Grafen gesehen hatte, fiel mir die Wahl sehr leicht. Etwas rund um Bram Stokers Dracula sollte es werden. Doch gleich den ganzen Roman lesen? Was ist, wenn ich mich quälen müsste? Dann doch lieber die Kurzgeschichten von ihm, die die Grundlage zur blutrünstigen Fledermaus enthalten.

In sechs knackig-kurzen Geschichten verschaffte mir Bram Stoker eine angenehm schaurige Gänsehaut. Wir erfahren etwas über einen jungen München-Touristen, der im Umland einen Spaziergang unternimmt und auf ein scheinbar verlassenes Dorf stößt. Wir lernen einen Studenten kennen, der eigentlich nur ein ruhiges Häuschen zum Lernen sucht und sich in einem von Ratten bevölkerten Gebäude eines verstorbenen brutalen Richters niederlässt. Wir besuchen zusammen mit einem frisch vermählten Ehepaar sowie einem Amerikaner ein Gruselkabinett, das zum Ausprobieren einlädt. Wir wandern mit einem Verliebten durch die Müllhalden von Paris, auf der Suche nach spannenden Geschichten und ein wenig Nervenkitzel. Wir verfolgen wie ein treuloser Liebhaber von seiner ermordeten Geliebten verfolgt wird. Zu guter Letzt amüsieren wir uns über einen eitlen Gockel, dem seine schottische Tracht zum Verhängnis wird.

Bram Stoker konnte mich vor allem mit dem ungewissen Ausgang immer wieder bei der Stange halten. Manchmal schaffen es seine Helden aus der Misere, manchmal aber auch nicht. Die Konsequenz, seine Helden auch einmal sterben zu lassen, fand ich sehr erfrischend. Das half mir dann auch über einige langatmige Passagen hinweg, in denen er redundant immer wieder die gleichen Dinge beschreibt. Ein Beispiel ist hier die seitenlange Verfolgungsjagd über die Pariser Müllhalden. Wahrscheinlich sollte man sich in Rage lesen, das hat bei mir nur leider nicht so recht klappen wollen. Die größte Enttäuschung war jedoch direkt die erste Geschichte: die berühmte Romanvorlage Draculas Gast. Ein junger unverbesserlicher Mann möchte unbedingt eine Gruselortschaft besuchen, in der die Toten nicht tot sind. Doch sowohl seine Entdeckungen vor Ort als auch seine Befreiung waren unterhaltungstechnisch recht unbefriedigend. Die Spannung, die ganz gut aufgebaut wurde, verpuffte recht schnell und hinterließ ein müdes Gähnen bei mir. Und das soll die Vorlage zum berühmten Klassiker sein? Ich war einfach enttäuscht.

Viel besser waren dagegen seine unbekannteren Kurzgeschichten. Sie sind blutig, mysteriös, übersinnlich und unvorhersehbar – kurzum: wunderbar kurzweilig. Allein deshalb lohnte sich Draculas Gast für mich. Mit 30 bis 50 Seiten waren die Geschichten allesamt von einer angenehm knappen Länge und brachten schnell den gewünschten Schauereffekt. Ich kann sie daher allen Gruselliebhabern wärmstens ans Herz legen.

Karoline

Autor: Bram Stoker
Buchtitel:
Draculas Gast
Übersetzung:
aus dem Englischen von Erich Fivian und H. Haas
Verlag: Diogenes

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