Die wilde Wasja und die wundersamen Wesen im Winterwald

© Foto: Katrin, 2020

Wunderbare Geschichten kommen häufiger von allein zu mir. Nun ja: oder mit Hilfe lieber Freunde. Dieses Mal überraschte mich Bettina bei ihrem letzten Besuch im Dezember mit einem wunderhübsch anzusehenden Roman: Der Bär und die Nachtigall von Katherine Arden. Ein russisches Setting, düstere Winternächte, ein wildes Mädchen, das wundersame Wesen sehen kann und ein Frostkönig mit kalten blauen Augen … Wie könnte ich solchen Zutaten widerstehen? Gleich nach Weihnachten ließ ich mich in die winterlichen Weiten Russlands entführen und möchte meine Begeisterung gern mit euch teilen.

Wasja lebt mit ihrer Familie im Norden von Rus, wo fast das ganze Jahr über Winter ist. Dort besitzt ihr Vater, Fürst Pjotr Wladimirowitsch ein großes Gut, das er gemeinsam mit seinen zwei ältesten Söhnen und allerhand Gesinde bewirtschaftet. Ohne ihre Mutter aufgewachsen, wurde Wasja von der alten Amme Dunja aufgezogen. Jeden Abend aufs Neue versammeln sich alle vor der großen, steinernen Feuerstelle in der Küche und lauschen Dunjas Märchen. Von Hausgeistern erzählt sie, von Wassermännern, dem Feuervogel und dem allgegenwärtigen Winterkönig. Nur Wasja allein weiß, dass die Gestalten aus den Märchen allesamt real sind, denn nur sie allein kann sie sehen: Wiedergänger und Geister, Dämonen und Götter. Ihrem Vater bereitet das seltsame Verhalten seiner jüngsten Tochter reichlich Kopfzerbrechen. Darum beschließt er, nach Moskau zu reiten, um dort eine neue Mutter für seine Kinder zu freien. Mit der Ankunft seiner neuen Frau Anna Iwanowa und einem ehrgeizigen Geistlichen auf dem Gut ändert sich vieles. Die ängstliche Frau verbietet in ihrer Frömmigkeit den Guts- und Dorfbewohnern den Glauben an die alten Mythen – Wasja ist ihr ein Dorn im Auge. Immer häufiger bekommt das Mädchen nun zu spüren, dass alle sie für eine Hexe halten. Die Jahre vergehen, Wasja wird erwachsen und die Furcht der Dorfbewohner wächst. Nur sie kann spüren, dass dadurch in den Tiefen der Wälder eine uralte Macht erwacht, der selbst der Winterkönig nicht gewachsen zu sein scheint. Werden Wasjas Mut und Überzeugung ausreichen, um ihre Famlie zu retten?

Was soll ich sagen? Ich glaube, ich bin etwas verliebt. Es ist wunderbar zu lesen, wie Katherine Arden in ihrem Roman die Themen Religion, Aberglaube und Magie, Selbstbestimmung und Familie, Furcht und Hoffnung miteinander verknüpft. Man merkt dem Buch nicht an, dass es ihr Erstlingswerk ist. Zwar gibt es am Ende einige lose Fäden, allerdings finde ich es eher angenehm, dass die Autorin einem nicht alles vorkaut. Erst im Nachhinein habe ich bemerkt, dass es sich dabei um den Auftakt einer Trilogie handelt. Für mich hat das Buch auch so problemlos funktioniert.

Wasja mit den stechend grünen Augen (um dieses Klischee kommt wohl kaum einer herum) ist eine starke Heldin, die sich von den Schranken ihres Standes befreit und einfach nur unabhängig sein möchte. Im Laufe des Buches bekommt sie es mit einigen wirklich schrägen und gruseligen Gestalten zu tun. Doch nie verurteilt sie diese, sondern versucht sie zu verstehen. Als am Ende alles zu eskalieren droht, erinnert sie sich daran, was sie aus Dunjas Märchen gelernt hat. Auch die Nebencharaktere haben einiges zu bieten, wobei für mich besonders ihr Vater und die Amme Dunja hervorstachen. Es bereitet Freude zu lesen, wie sich alle entwickeln, dazulernen, umdenken und schließlich begreifen, worauf es ankommt.

Gerade russische Märchen habe ich früher geliebt. Dieser Roman hat durchaus einen anderen Grundton und ist auch sehr erwachsen und düster geschrieben. Tatsächlich war ich irgendwie überrascht, dass er aus dem Amerikanischen übersetzt wurde. Katherine Arden hat für mich eine überzeugende, etwas mittelalterliche Welt erschaffen, in der Sagengestalten genauso ihren Platz haben, wie kriegerische Großfürsten und Bojaren. Der Bär und die Nachtigall ist eine märchenhafte Geschichte, die trotzdem gesellschaftskritische Züge hat. Hier wimmelt es von russischen Sagengestalten, welche auf ganz eigene Weise von der Autorin interpretiert werden. Der Roman ist gleichzeitig gruselig und emanzipatorisch, poetisch und rau, grausam und liebevoll. Ich hoffe, ihr habt genauso viel Spaß beim Lesen und genießt die bittersüße Mischung der Geschichte. Wer weiß, was noch alles in den tiefen Wäldern von Rus lauert …

Katrin

Autorin: Katherine Arden
Buchtitel: Der Bär und die Nachtigall
Übersetzung: aus dem Amerikanischen übersetzt von Michael Pfingstl
Verlag: Wilhelm Heyne Verlag München

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