Samstagshäppchen: Zipperlein, Wehwehchen oder doch Pest und Cholera?

© Foto: Karoline, 2020

Wir leben in hochdynamischen Zeiten. Noch vor einem Monat hatte ich nicht geglaubt, dass es einmal Ausgangsbeschränkungen oder Home Office (zumindest für mich) geben würde. Wie immer versuchte ich mich mit Büchern an die aktuelle Situation zu gewöhnen und entdeckte dabei Wie Krankheiten Geschichte machen: Kurze Abschnitte, kranke Berühmtheiten und berühmte Krankheiten. Mein Interesse war geweckt.

In knackig kompakten und gleichermaßen unterhaltsam geschriebenen Kapiteln beleuchtet Ronald D. Gerste Krankheiten, die das Weltgeschehen beeinflussten und scheut sich dabei nicht einen Bogen von der tiefsten Antike bis zur heutigen Zeit zu spannen. Ob es nun Seuchen wie Pest, Syphilis, Pocken oder Grippe waren (beziehungsweise noch sind), oder die ganz individuellen Leiden entscheidender Persönlichkeiten; jedes einzelne Kapitel vermochte mich in seinen Bann zu schlagen.

Natürlich sind besonders die älteren Fallbeispiele, wie Caligula, Alexander der Große oder Johann Sebastian Bach nicht verbürgt, sondern beruhen „lediglich“ auf biografischen Herleitungen. Doch die Art und Weise wie der Autor die Schlussfolgerungen zieht und Krankheitsbilder zeichnet, war für mich sehr beeindruckend. So starb Musikgenie Johann Sebastian Bach mit 65 Jahren an hohem Fieber, das auf eine Infektion schließen lässt. Diese zog er sich womöglich durch eine Operation an den Augen zu, als ein Wunderheiler seinen Grauen Star entfernen wollte. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie das im Jahre 1750 vonstattengegangen sein muss, als Operationsbesteck noch nicht desinfiziert wurde und die abgetrennte Linse im Auge blieb. Kein Wunder also, dass sich hier diese Deduktion plausibel ableiten lässt.

Literarisch stilsicher und stellenweise poetisch anmutend zeichnet Ronald D. Gerste Bilder ferner und naher vergangener Zeiten sowie kranker Persönlichkeiten, die ich so noch nicht kannte. Dass eine Reihe amerikanischer Präsidenten (sowie zahlreiche andere politische Würdenträger der Welt) die Bevölkerung gezielt hinters Licht führte, um die eigene Regierungsunfähigkeit zu kaschieren, war mir nicht bewusst. Ob John F. Kennedy mit Morbus Addison oder Woodrow Wilson mit einer Vielzahl von Schlaganfällen, ich war gefesselt von der Krankheitsgeschichte sowie den Lügengebilden drumherum. Wie gut, dass Ronald D. Gerste sowohl studierter Historiker als auch Mediziner ist, sonst hätte Wie Krankheiten Geschichte machen wahrscheinlich nicht die Authentizität gehabt, die mich bis zur letzten Seite gefangen hielt und nun (hoffentlich) schlauer zurücklässt.

Karoline

Autor: Ronald D. Gerste
Buchtitel: Wie Krankheiten Geschichte machen – Von der Antike bis heute
Verlag: Klett-Cotta

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