Ein Leben für Lieder

Carlos Gardel Cover

© Foto: Bettina, 2020

Als die Entscheidung für diesen Ländermonat auf Argentinien fiel, hatten meine ersten Assoziationen zugegebenermaßen wenig mit Büchern oder Literatur zu tun. Die quirlige Metropole Buenos Aires, köstliche Empanadas, erfrischender Matetee und leidenschaftlicher Tango waren wesentlich präsenter in meiner Vorstellung von dem südamerikanischen Land. Kein Wunder also, dass ich auf der Suche nach einer passenden Lektüre besonders hellhörig wurde, als der Klappentext mehr zu einem dieser Themen versprach. Auf zum Tango mit Carlos Gardel!

In ihrer Graphic Novel tauchen José Muñoz und Carlos Sampayo in den Mythos rund um den Sänger Carlos Gardel ein. Direkt zu Beginn lernen wir die Teilnehmer eines Fernsehprogramms kennen, die zusammengetrommelt wurden, um über den Musiker und die Seele Argentiniens zu diskutieren. Wer, wie ich, weder Carlos Gardel noch sein Werk kennt, wird so mit auf einen Ausflug durch sein Leben genommen. Der geradezu verehrte Sänger von Tango ist in den 30er Jahren auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Er wird von Buenos Aires bis New York für seine Musik gefeiert, hat sogar schon in erfolgreichen Filmen mitgespielt und will nun sein eigenes Studio gründen. Es ranken sich Gerüchte um seine Verbindung zu Gangstern in Buenos Aires, seine Herkunft ist umstritten, seine Beziehungen zu Frauen werden hinterfragt und selbst sein Tod ist mysteriös. Die Experten der Talkrunde sind sich deswegen natürlich in nichts einig und schmeißen sich fröhlich immer neue Argumente an den Kopf.

All dies sind Zutaten für eine vielschichtige Figur und eine interessante Geschichte, die rund um das Thema Identität kreist. Verkörpert Gardel eigentlich den Machismo oder hatte er nie eine Liebesbeziehung mit einer Frau? Wurde er nun in Uruguay, Frankreich oder Argentinien geboren? Liebte er nur Buenos Aires oder war doch in jeder Stadt sein Zuhause? Thema um Thema wird in den Ring geworfen, dass es dem Leser schon manchmal zu bunt wird. Oft hatte ich daher das Gefühl, dass die schiere Masse an Inhalt die Seiten der Graphic Novel sprengt oder für die interessanten Elemente zu wenig Platz war. Da auch nach der Lektüre zwangsweise viele offene Fragen bleiben und einige Themen nur sehr flüchtig angeschnitten werden, fiel es mir oft schwer zu verstehen, warum einige Inhalte mit in die Erzählung gewebt wurden.

Carlos Gardel Innenseite

© Foto: Bettina, 2020

Von Anfang an hat mich dagegen der Stil der Graphic Novel an das Buch gefesselt. Mit seinen durchgehend schwarz-weißen Illustrationen, die an Plakatkunst erinnern, verströmt er wunderbar die Ära der 30er Jahre. Charaktere werden häufig übertrieben oder verzerrt dargestellt, was es einige Male schwierig machte ähnlich gekleidete Figuren von Seite zu Seite wiederzuerkennen. In solchen Fällen hat mir jedoch immer noch das Krawattenmuster weitergeholfen. Die Bilder strahlen Coolness und Verruchtheit aus, sind bei Landschaften gerade üppig genug, bei Personen dagegen eher reduziert. Ohne sie hätte ich das Buch wohl nie ausgesucht, noch es durchgelesen. Auch wenn Muñoz und Sampayo in ihrem Werk mit Text und Illustration gleich zwei Künste nutzen um Carlos Gardel Leben einzuhauchen, fehlt für gerade diese Person ein Element, um die Angelegenheit zu vervollständigen: die Musik. Wie wunderbar, dass die sich problemlos ergänzen lässt. Also Tango auf die Ohren und eintauchen ins Leben eines Ausnahmemusikers.

Bettina

Autoren: José Muñoz & Carlos Sampayo
Buchtitel: Carlos Gardel
Verlag: Reprodukt Verlag

Ein Gedanke zu “Ein Leben für Lieder

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..