Willkommen in Fürstenfelde, Brandenburg. Einwohnerzahl: sinkend

© Foto: Karoline, 2020

Die alte Heimat fehlt mir. Nicht immer, aber doch gelegentlich. Wenn ich mich am Wochenende durch die überfüllte Innenstadt schubsen lasse, wenn ich dicht gedrängt in der Straßenbahn stehe oder wenn mich nachts wilde Partys und kreisende Helikopter vom Schlaf abhalten. Immer dann muss ich an mein kleines Städtchen im tiefsten Vorpommern denken. Es ist ein bittersüßes Gefühl, denn ich weiß, dass ich nie dorthin zurückziehen würde. Aber manchmal hängt man eben etwas sentimental in der Vergangenheit fest. Genau für diese Stimmung habe ich nun das perfekte Buch gefunden: Vor dem Fest von Saša Stanišić.

Wir befinden uns in der Uckermark. Es ist der Abend vor dem Annenfest. Das Dörfchen Fürstenfelde bereitet sich vor. Jeder auf seine eigene Art. Da gibt es Herrn Schramm, seines Zeichens “ehemaliger Oberleutnant der NVA, dann Förster, jetzt Rentner und, weil das nicht reicht, schwarz bei Von Blankenburg Landmaschinen” (S. 25), der sich leicht demotiviert die sexy Sportclips anguckt und an der Glaubwürdigkeit der Billard spielenden Martina zweifelt. Und überhaupt! Wozu eigentlich noch leben? Höchstens für Zigaretten. Der streikende Automat entscheidet dann auch über das Schicksal von Herrn Schramm, das mich vor Anteilnahme fast an den Nägeln kauen ließ. Für die Schülerin Anna fängt das Leben hingegen erst an. Sie wird in Kürze wegziehen und studieren. Heute Nacht ist ihre letzte Joggingrunde. Währenddessen erlebt Frau Schwermuth einen neuen Tiefpunkt ihrer Nervenkrise. Ihr Sohn Johann bereitet sich zeitgleich auf seine Glöcknerprüfung am nächsten Tag vor. Doch wo sind auf einmal die Kirchenglocken geblieben?

Welche Anna beim Annenfest gefeiert wird, ist unklar. Immer wieder bekommen wir Persönlichkeiten aus der Geschichte des Dorfes präsentiert. Mal reimend, mal als Zeitungsausschnitt, mal als kleine Geschichte. Manchmal ist auch eine Anna dabei, aber eben auch nur manchmal. Manchmal verschmelzen die Zeitebenen miteinander und die mittelalterlichen Spießgesellen landen in der Gegenwart. Als ob die historischen Zeitsprünge nicht verwirrend genug wären, begleiten wir auch noch eine uckermärkische Füchsin auf ihrer abendlichen Eiersuche. Immer wieder wechseln die Perspektiven und der Leser bekommt ein neues Puzzleteil zum Gesamtwerk geliefert, das er erstmal einordnen muss.

Genau wegen dieser Puzzle-Struktur habe ich Vor dem Fest auch einmal abbrechen müssen. Nicht weil die Geschichte schlecht gewesen wäre! Ich wusste, dass ich ein echtes Meisterwerk in den Hängen hielt und wollte es auch entsprechend würdigen. Denn zu dem ungewöhnlichen Aufbau gesellt sich ein wahrlich einzigartiger Schreibstil. Ich habe nie zuvor so einen ausgeprägten trockenen Humor gelesen. Stets mit einem zwinkernden Auge, oft philosophisch und herzerwärmend schreibt Stanišić über die Bewohner (m)eines sehr markanten Landstrichs. Ständig wird der Leser persönlich angesprochen und somit Teil der uckermärkischen Gemeinschaft. Besonders die Kapitelanfänge konnten mir daher gleich ein Lächeln auf die Lippen zaubern und ich freute mich über jeden einzelnen Abschnitt, den ich lesen durfte:

Wir sind traurig. Wir haben keinen Fährmann mehr.
Wir sind froh, Anna wird verbrannt.
Wir haben ein Mäuseproblem.
Wir sind etwas überfordert.

Saša Stanišić, Vor dem Fest, S. 11, 28, 89, 217

Auf den 315 Seiten entdeckte ich voller Freude immer wiederkehrenden Heimatbezug: durch das Tagesblättchen Nordkurier, das Nachbarörtchen Woldegk, die Wortwahl (ich sag nur Stulle) oder die Namen (wie Gittys Kiosk, den man wohl in jedem kleinen Dorf findet). Auf einmalige Art vermag es Herr Stanišić die wortkarge Art der Norddeutschen einzufangen:

Wie gehts?
Muss ja.

Saša Stanišić, Vor dem Fest, S. 230

Für den Außenstehenden sind diese vier Worte nichts Besonderes, aber mir ging das Herz auf und ich befand mich gedanklich auf meiner Heimatstraße. Für mich ist Vor dem Fest ein wahres Meisterwerk und Saša Stanišić der aktuell talentierteste deutsche Schriftsteller, den ich seit Jahren gelesen habe. Nicht umsonst räumte er vor kurzem mit seinem neuen Werk Herkunft Preise ab. Stanišićs innovativer Ansatz unterscheidet sich dabei stark von gängigen Erzählstrukturen. Ein Vergleich mit Juli Zehs Unterleuten ist beispielsweise trotz des ähnlichen Settings fast unmöglich. Ich jedenfalls bin froh, dass wir so talentierte junge Schriftsteller haben, die meine alte Heimat mit einem respektvollen Augenzwinkern behandeln und ihr bei all der Schrulligkeit ihre Würde lassen. Bei meinem nächsten Heimweh weiß ich jedenfalls welches Buch ich zücken werde.

Karoline

Autor: Saša Stanišić
Buchtitel:
Vor dem Fest
Verlag: Luchterhand

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