Der Geschmack von bitteren Orangen

"Ismaels Orangen" von Claire Haja vor einem Baum im Sonnenuntergang

© Foto: Karoline, 2021

Puh, diesmal hatte ich mir für unseren Weltenbummler-Monat doch tatsächlich ein Familienschicksal ausgesucht. Normalerweise zählt diese Kategorie nicht zu meinen Lesefavoriten, doch dieses eine spezielle Leseexemplar subt seit 2015 (!) in meinem Regal herum. Nie habe ich es weggeworfen, immer wollte ich es eines Tages zur Hand nehmen und lesen. Da kam mir unser literarisches Reiseziel Israel ganz recht. Endlich war die Zeit gekommen für Ismaels Orangen von Claire Hajaj.

Über die Entwurzelung einer ganzen Generation

Als Salims Familie ihr Anwesen verliert, bricht seine kleine Welt zusammen. Sein kindliches Gehirn mag nicht zu verarbeiten, was selbst den Erwachsenen schwerfällt: Dass es sein Heimatland Palästina nicht mehr gibt. Dass es jetzt Israel heißt und dort, wo er und seine Freunde einst lebten, nun die Juden ihren Besitz in Anspruch nehmen. Die weiße Villa ist verloren, der Orangenhain direkt am Meer nur noch ein Traum und vom Orangenbaum, der eigens zu seiner Geburt gepflanzt wurde, wird er nie die Früchte ernten. Doch das Leben schreitet unerbittlich voran und hält noch einige Niederlagen für Salim bereit.
Zur gleichen Zeit wächst die rebellische Judit im England der Nachkriegszeit heran. Sie versteht nicht, was es bedeutet eine Jüdin zu sein und stellt die jüdischen Traditionen bei mehr als einer Gelegenheit infrage – sehr zum Verdruss ihrer Eltern.
Jahre später lernen sich Salim und Judit bei einer Studentenparty kennen. Beide fühlen sich sofort zueinander hingezogen, doch sie stehen auf unterschiedlichen Seiten. Eine Jüdin und ein Moslem? Zu dieser Zeit undenkbar. Zu verhärtet sind die Fronten, zu viel Hass und Schmerz ist über die Jahre gesät worden. Aber wahre Liebe findet immer einen Weg. Oder doch nicht!?

Salim und Judit – ein Symbol des Friedens?

Mit schwerer Kost startete ich in das Buchjahr 2021. Belohnt wurde ich dennoch. Denn Ismaels Orangen brachte mir einen politischen Konflikt näher, den ich nie ganz verstanden habe. Sehr einfühlsam schildert Claire Hajaj die Schicksale der Moslems und Juden anhand von Salim und Judit. Seine traumatischen Kindheitserinnerungen, als Heimatloser zu leben, aufgrund seiner Abstammung herablassend behandelt zu werden, das alles lässt Salim über die Jahre immer mehr verbittern. Während Judit sich stets wünschte zuallererst als Mensch und dann erst als Jüdin wahrgenommen zu werden. Und ständig die Familie. Seien es Salims Brüder oder Judits Eltern – sie alle zerren an ihnen, mit all ihren Erwartungen, Ansprüchen und Forderungen. Ihr gemeinsames Leben ist bestimmt von Klischees, denen sie nicht aus dem Weg gehen können und denen sie sich immer wieder beherzt stellen müssen.

Der dramatische Höhepunkt

Klingt anstrengend? Das ist es auch. Nicht nur für die Protagonisten, auch für den Leser. Obwohl sich die 438 Seiten recht flott runterlasen, so war der Inhalt doch recht harter Tobak. Während ich mich mit der behütet aufgewachsenen Judit recht gut identifizieren konnte, so blieb mir der traumatisierte Salim stets etwas fremd. All dieser brodelnde Hass in ihm war zwar nachvollziehbar, doch hatte er stets gute Alternativen direkt vor seiner Nase. Er hat sie nur nie ergriffen, sei es, weil er zu sturköpfig oder zu stolz war. Da verwundert es auch nicht, dass Ismaels Orangen mit einem dramatischen Höhepunkt sein Ende findet, der noch lange nachhallt. Ob es wohl je Frieden in dieser Region der Erde geben wird? Nach diesem Buch wage ich es zu bezweifeln und bin gleichzeitig sehr traurig über diese Erkenntnis.

Eine Randbemerkung

Ein Nachwort sei dennoch erlaubt. Denn die ganze Geschichte erlangt umso mehr Bedeutung, wenn man sich die allzu auffälligen Parallelen zum Lebenslauf der Autorin anschaut. Kind einer jüdischen Mutter und eines palästinensischen Vaters, wuchs im Nahen Osten und in England auf, lebt derzeit in Beirut – das schreit ja förmlich nach autobiografischer Inspiration und macht Ismaels Orangen für mich umso authentischer und daher dramatischer.

Karoline

Autorin: Claire Hajaj
Buchtitel:
Ismaels Orangen (HC), Der Duft von bitteren Orangen (SC)
Übersetzung:
aus dem Englischen von Karin Dufner
Verlag: blanvalet

4 Gedanken zu “Der Geschmack von bitteren Orangen

  1. Karoline schreibt:

    Sie hat noch ein weiteres Buch geschrieben: „Der Wasserdieb“. Die Handlung ist aber komplett anders. Es geht um den Wassermangel in Afrika und die Machenschaften, die oft dahinter stecken. Ich vermute mal „Ismaels Orangen“ war so eine Geschichte, die sie sich unbedingt von der Seele schreiben musste… Der zweite Roman hat auch leider nicht ganz so gute Wertungen, aber davon würde ich mich nicht abhalten lassen 😉 ich hab aber erstmal wieder genug von der Dramatik der echten Welt und verschwinde in die Welt der Fantasie.
    Wirst du dir den „Wasserdieb“ vornehmen?
    Liebe Grüße, Karo

    • Herba schreibt:

      Ich habe den Wasserdieb erstmal nur auf meine Wunschliste gesetzt. Bin zur Zeit nämlich extrem im Krimi/Thriller-Fieber und habe keine Muse für Drama. Aber das ändert sich sicher auch wieder 🙂
      Liebe Grüße zurück

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