Melde gehorsamst: Der 1. Weltkrieg ist ausgebrochen

Buchcover "Der brave Soldat Schwejk" von Jaroslav Hasek zur Rezension um den Weltenbummler-Monat Tschechien

© Foto: Karoline, 2021

Aufgepasst und stillgestanden! Das Inkunabel-Team lädt diesen Monat wieder einmal ein literarisch durch die Welt zu bummeln. Unser aktuelles Ziel: Tschechien. Mein erster Gedanke galt dem wahrscheinlich berühmtesten Vertreter der Tschechischen Literatur. Gleichzeitig erinnerte ich mich des Traumas, das Kafka mir mit zarten 16 Jahren verpasste. Der kam also nicht infrage. Als eine Bekannte erwähnte, dass sie seit ihrer Kindheit regelmäßig die Geschichten um den Soldaten Schwejk liest, waren die Würfel gefallen. Doch hier geht es schon los… Welche Variante sollte ich mir zur Brust nehmen? Die illustrierte? Den Originalroman? Das Hörbuch? Oder doch lieber schön komprimiert als Bühnenstück oder gar Oper?

Wer ist eigentlich dieser Schwejk?

Ich stürzte mich todesmutig auf den Roman, immerhin meine Paradedisziplin. So lernte ich den freundlichen, etwas einfältig wirkenden Genossen Schwejk kennen. Sein Geld verdient er mit dem Einsammeln streunender Hunde, dem Aufpolieren derer Lebensläufe in Kombination mit dem anschließenden Verkauf vermeintlich reinrassiger Zuchttiere. Er ist eine wahre Frohnatur, die für jede Situation eine passende Geschichte auf Lager hat. Leider führten eben jene Eigenschaften dazu, dass er als blöd abgestempelt und als dienstuntauglich beim Militär entlassen wurde. Aber ist das alles wahr oder einfach nur eine richtig gute Tarnung?

Schwejk kommt unter die Räder

Als Kronprinz Ferdinand überraschend in Sarajevo einem Attentat zum Opfer fällt, muss der gute Schwejk das erstmal bei einem Bierchen in der örtlichen Kneipe verdauen. Blöd nur, dass er sich zu einer leichtsinnigen Äußerung hinreißen lässt. Noch blöder ist, dass der Saufkumpan neben ihm ein verdeckter Ermittler ist, der ihn direkt ins Kittchen steckt. Es folgt eine Odyssee durch verschiedene Gefängnisse, psychiatrischen Einrichtungen und das militärische Hinterland. Schwejks infantile und ehrliche Art offenbart dabei possenartig die Missstände der Gesellschaft.

Die Komik des Feldkuraten

Mein persönliches Highlight bildet dabei Schwejks Einsatz als Assistent des permanent betrunkenen Feldkuraten. Eigentlich ist der Sträflingspfarrer ja Jude. Aber nachdem er pleite gegangen ist und vor seinen Gläubigern fliehen musste, ließ er sich schließlich zum Christentum bekehren. Die Gallionsfigur des Glaubens lässt kein Besäufnis und keine Rumhurerei aus. Nächstenliebe? Fehlanzeige, es brennt ein Feuer der Verachtung in ihm und nur der gute Schwejk mit seinem treudoofen Blick kann sein alkoholgeschwängertes Herz erweichen. Doch leider währt auch diese Zuneigung nicht ewig und so muss der brave Soldat weiterziehen. Sehr zu meinem persönlichen Leid.

Lob und Kritik liegen dicht beieinander

Schwejk Abenteuer sind dabei in vier verschiedene Abschnitte unterteilt: Im Hinterlande, An der Front, Der glorreiche Zusammenbruch und die Fortsetzung des glorreichen Debakels. Leider habe ich es nicht über den ersten Teil hinausgeschafft. Der Grund? Vielschichtig. Ich hatte zu Beginn des Buches Angst vor der Übersetzung, immerhin gilt das Werk durch seine Mundart als schwer übersetzbar. Doch las es sich durchaus flüssig und humorvoll. Ob der Wortwitz dabei getreu übersetzt wurde, kann ich nicht einschätzen. Vielleicht fehlten mir auch einfach die scherzhaften Illustrationen von Josef Lada, die die ganze Szenerie etwas auflockern sollten. Möglicherweise nagte auch der Zahn der Zeit einfach zu sehr an dem fast vergessenen Klassiker. Viele Dinge erscheinen heute im digitalen Zeitalter weit weg und kaum nachvollziehbar. Wer sich jedoch intensiv für Geschichte begeistert, der sollte sich von meinen Kritikpunkten nicht abschrecken lassen. Dümmer bin ich durch das Lesen definitiv nicht geworden, versprochen!

Karoline

Autor: Jaroslav Hašek
Buchtitel: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk
Übersetzung: Aus dem Tschechischen von Grete Reiner

Verlag: Anaconda

2 Gedanken zu “Melde gehorsamst: Der 1. Weltkrieg ist ausgebrochen

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