Der Abfall der Gesellschaft

© Foto: Karoline, 2021

Es ist schon ein Weilchen her, dass ich Joe gelesen habe. Doch wie sein Pendant Fay ließ er mich einfach nicht los. Zu realistisch wurden mir die Abgründe der Gesellschaft vor Augen geführt. Zu intensiv war das Gefühl der Ohnmacht, mit dem mich das Buch am Ende regelrecht zerstörte. Und genau wie Fay wurde es dadurch eines meiner Jahreshighlights, denn bei all dem Stoff, den wir lesen, stumpfen wir doch gelegentlich etwas ab. Umso wertvoller sind dann die Romane, die es verstehen, einen vollkommen mitzureißen und in ihre Welt eintauchen zu lassen.

Eine obdachlose Familie zieht durchs Land

Joe verfügt über keine wirkliche Handlung. Wir beobachten einfach ein paar Menschen, die sich am Rande der Gesellschaft bewegen. Wie sie leben, wie sie lieben, wie sie leiden. Allen voran Gary, der mit seiner obdachlosen Familie von Baracke zu Baracke zieht, immer auf der Suche an einem Dach über dem Kopf, von dem sie nicht sofort vertrieben werden. Der Vater Wade ist ein elender Säufer und terrorisiert die ganze Familie mit seiner toxischen Lebensweise. Die Mutter hat sich schon lange in ihr Schicksal ergeben und nimmt alles mit einer erschreckenden Gleichgültigkeit hin. Die Töchter, darunter Fay, versuchen so gut es geht, dem Vater aus dem Weg zu gehen. Allein der einzig verbliebene Sohn Gary scheint sich um das Wohlergehen seiner Familie zu sorgen, während seine älteren Geschwister schon lange über alle Berge sind.

Die Begegnung mit Joe

Als das Essen wieder knapp wird, sucht Gary nach Arbeit und trifft dabei auf den Vorarbeiter Joe, dessen Aufgabe es ist, ein Waldgebiet zu roden. Morgens sackt er seine Arbeiter ein, treibt sie den Tag über an, um sie abends wieder zu entlassen und anschließend in seinem Wohnwagen ein Bierchen nach dem anderen zu zischen. Schnell beweist der Junge, dessen genaues Alter den Eltern so unbekannt ist wie dem Leser, dass er mit anpacken kann. Doch genauso schnell ist die unstete Arbeit auch wieder vorbei. Dennoch hat er Eindruck bei Joe hinterlassen. Immer wieder begegnen sich die beiden und es entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen ihnen. Doch Joe hat selbst Probleme, denen er sich stellen muss.

Wie Malen mit Worten

Wieder einmal haben es Autor Larry Brown und Übersetzer Thomas Gunkel geschafft, mich in wahre Verzückung zu versetzen.

Der Laden sah leer aus. […] An der Decke hing eine einzelne Glühbirne, ein gelber Lichtschein in einer Höhle aus schlechten Cornflakes und verkümmerten Kartoffelchips, längst vergessen und hinter dem Insektenspray versteckt. Der Kohleofen stand im hinteren Teil des Raumes, lackiert mit Tabaksaft. An der versengten Decke hingen Fliegenfänger, ihre Opfer mumifiziert, Händevoll schwarzer Reis, hingeschleudert und klebengeblieben.

Larry Brown, Joe, S. 226

Diese unglaublich plastische Schreibweise fördert mein sowieso leicht zu entfachendes Kopfkino und hinterlässt Brandflecken auf meiner geistigen Retina. Sofort habe ich einen konkreten Raum mit all seinen banalen Randerscheinungen vor Augen. Allein diese Tatsache und das wirklich sehr harte Ende haben mich bisher davon abgehalten, die wohl recht gelungene Verfilmung von David Gordon Green mit Nicholas Cage als Joe und Tye Sheridan als Gary anzusehen. Vielleicht werde ich mich eines Tages dazu überwinden können, aber ihr kennt doch den allgemein gültigen Spruch einer jeden Leseratte: Das Buch war irgendwie besser. Joe hat definitiv einen Platz in meinem Herzen und meinem Buchregal erobert.

Karoline

Autor: Larry Brown
Buchtitel: Joe
Übersetzung: aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel
Verlag: Wilhelm Heyne Verlag

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