Wenn das Leben ein solides Mittagsmahl wäre …

© Foto: Karoline, 2021

… dann wüsste ich nicht, ob ich süß oder herzhaft essen wollen würde. Manchmal kann man sich einfach nicht entscheiden. Wie ich bei diesem Ländermonat rund um Mexiko. Kein Buch fand meine Begeisterung, daher wurde ein seit Ewigkeiten vor sich hin staubender Film aus dem Regal genommen und endlich einmal intensiv gewürdigt. Vorhang auf für das Leben von Tita, erzählt in 12 Speisen. Kleine Bemerkung am Rande: So ganz ohne Bücher geht es dann doch nicht bei mir. Bittersüße Schokolade ist nämlich nichts Geringeres als eine Buchverfilmung 😉

Mutter des Grauens

Mexiko in Zeiten der Revolution: Die junge Tita wird als dritte Tochter einer wohlhabenden Familie geboren. Doch bereits ihre Geburt ist Anlass für Elend. Ihr Vater stirbt an einem Herzinfarkt, als er mit Freunden auf sein neues Kind anstößt. Der Grund? Eine böse Zunge behauptete, dass es nicht von ihm sei. Fortan ist Mutter Donna Elena mit den drei Töchtern allein. Für Tita verlangt die Familientradition eine ganz besondere Rolle: Als jüngstes Kind wird sie nie heiraten, sondern all ihre Energie in die Pflege ihrer Mutter stecken – und die ist nicht weniger als eine biestige Tyrannin, die es versteht, ihren Kindern das Leben zur Hölle zu machen.

Zwei Seiten einer Medaille

Zum Glück hat Tita eine liebende Oma und Haushälterin, die ihr all ihr Wissen rund um das Kochen beibringen und dem einsamen Kind mit Liebe begegnen. Das gleiche gilt für den Jungen Pedro, der die über die Jahre erblühende Tita heiß und innig liebt. Doch es kommt, wie es kommen muss: der voller Hingabe formulierte Antrag wird gnadenlos von der Mutter abgeschmettert. Schlimmer noch! Sie bietet ihm stattdessen die älteste Schwester Rosaura als Zukünftige. Pedro nimmt kurzerhand an, denn sein innigstes Ziel ist es, stets in Titas Nähe sein zu dürfen. Da hat er aber die Rechnung ohne Donna Elena gemacht, die wie ein Schießhund über ihr drittes Kind wacht.

„Nur die Töpfe wissen, wie heiß es in ihnen brodelt.“

Bittersüße Schokolade beginnt wie ein Märchen, in dem eine allwissende Erzählerin uns in Titas Welt entführt. Wundervolle Metaphern verknüpfen immer wieder die beiden Leitthemen des Essens und der Liebe miteinander. Auch wenn ich zu Beginn von der schlecht gealterten Bildqualität unangenehm überrascht war, so trat diese zugunsten dieser liebevoll erzählten Geschichte in den Hintergrund. Besonders die Frauencharaktere sind authentisch und für mich, wenn auch nicht immer sympathisch, so doch gut gezeichnet. Einzig Pedro konnte mich nicht so recht überzeugen. Was soll das denn bitte? Einfach die Schwester heiraten, schwängern und trotzdem nach der anderen gieren. So benimmt sich kein Edelmann!

Gutes Essen regt die Fantasie an

Ein eindeutiger Pluspunkt sind die fantastischen Elemente des Films. Als Tita sich hingebungsvoll um Pedros und Rosauras Kind kümmert, schenkt er ihr aus Dankbarkeit Rosen. Als Tita, von Liebe für Pedro erfüllt, daraus ein Mittagessen zaubert, artet die Szenerie in orgiastische Zustände aus, in denen Schwester Gertrudis sich erst am Tisch befriedigt, nur um anschließend vor Leidenschaft in Flammen aufzugehen und wollüstig mit einem Soldaten davonzureiten. Aber keine Angst, Gertrudis passiert nichts. Das wäre auch fatal gewesen, denn sie ist von allen Akteuren die wahrlich sympathischste, emanzipierteste, leidenschaftlichste, schlicht spannendste!

Die große Frage zum Schluss

Wie geht nun die Geschichte zu Ende? Können Tita und Pedro bei dieser verqueren Familiensituation überhaupt zusammenfinden? Und wenn ja, was geschieht mit Rosaura und ihrem Kind? Was würde die Haustyrannin dazu wohl sagen? Keine Angst, all diese Fragen werden am Ende der 106 Minuten geklärt sein. Was ihr hier lest, ist lediglich ein Bruchteil dieser ausgefeilten Familiengeschichte mit dem gewissen Extra. Auch wenn es sich bei Bittersüße Schokolade um keine leichte Koste handelt, so hat die Zeit sich doch gelohnt. Nicht umsonst wurde dieser Film über Jahrzehnte als erfolgreichster mexikanischer Film gehandelt. Wer also auf ungewöhnliches Kino steht und sich nicht an krisseligem Bild stört, dem kann ich Alfons Aaraus Werk nur wärmstens ans Herz legen.

Karoline

Regisseur: Alfons Aarau
Filmtitel: Bittersüße Schokolade
Erscheinungsjahr: 1992

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.