Die Irrungen und Wirrungen des Kafka Tamura

© Foto: Karoline, 2021

Was haben Kafka und Katzen gemeinsam? Und wie passt eigentlich Ödipus in dieses Bild? Ich hatte absolut keine Ahnung, als ich meinen ersten Roman von Haruki Murakami in die Hand nahm. Einen (von mir mit Skepsis betrachteten) Nobelpreis hat er bisher zwar nicht erhalten, wird jedoch seit Jahren heiß gehandelt – ein Grund mehr, weshalb ich mich bisher nie an seine Werke herangewagt hatte. Warum hatte ich eigentlich so einen Bammel? Kafka am Strand entpuppte sich als ein wahres Juwel in meinem Regal.

Die Geschichte vom jungen Ausreißer

Der Junge Kafka Tamura ist ein Außenseiter. Zwar schreibt er gute Noten, um nicht aufzufallen, aber eine richtige Integration mag ihm nicht so recht gelingen. Vor elf Jahren verschwanden Mutter und Schwester ganz plötzlich aus seinem Leben, einzig der kauzige Vater blieb ihm erhalten. Als dieser jedoch eine Prophezeiung über seinen Sohn ausspricht, dass er einst seinen eigenen Vater töten und mit Mutter und Schwester schlafen wird, entflieht der Junge kurzerhand seinem alltäglichen Leben. Sein neues Zuhause findet er auf der Insel Shikoku, wo er eher zufällig als Hilfskraft in der Komura-Gedächtnis-Bibliothek anfängt. Von nun an sind die unnahbare Leiterin Frau Saeki und ihr Assistent Oshima für Kafka Freunde und Familie. Und doch ahnt der Leser bereits zu Beginn, dass dies hier kein Konstrukt auf Ewigkeit sein kann.

Eine Figur wie aus einem Ghibli-Film

Der zweite Protagonist des Buches ist der alte Mann Nakata. Früher einmal war er ein schlaues Kind, bis ein mysteriöser Zwischenfall auf einer Waldlichtung ihn ins Koma versetzte. Als er schließlich erwachte, war er nicht mehr derselbe. Lesen und Schreiben konnte er nie wieder, dafür aber ganz gemütlich mit den Nachbarskatzen plaudern. Er lebt sein kleines überschaubares Leben, bis seltsame Ereignisse ihn dazu bewegen, seine Heimatstadt und alles was er kennt, aufzugeben. Er muss einen Auftrag erfüllen, weiß aber nie wie dieser Auftrag auszusehen hat, bis es so weit ist. Auf seiner Reise lernt er den jungen LKW-Fahrer Hoshino kennen, mit dessen Hilfe er seiner Bestimmung gerecht werden kann. Ob die beiden ihre Mission erfolgreich beenden?

Liebevoll gestaltet bis zum Sidekick

Doch wer nun denkt, dass Haruki Murakami sich nur auf seine Protagonisten stürzen würde, den kann ich ruhigen Gewissens enttäuschen. Denn besonders die Nebencharaktere haben es mir in dieser Geschichte angetan. Ob es nun die elegant gekleidete, aber immer traurig wirkende Direktorin Saeki ist, die eine dunkle Vergangenheit verbirgt, oder der sympathische Lastwagenfahrer Hoshino, der als Jugendlicher auf die schiefe Bahn geriet und nun sein gutes Herz bei Nakata wiederentdeckt. Doch von allen am meisten hat mich Oshima beeindruckt, der  brandaktuelle Themen wie Vergänglichkeit und Sexualität in seiner Person vereint. Darüber hinaus kann er unglaublich poetisch sein, wenn er im Auto seine klassische Musik hört. Seine Lieblingsmusik, Schuberts Werke, wirkt immer unvollendet, da niemand sie korrekt zu spielen vermag und sie gerade dadurch eine ganz eigene Magie des Unperfekten versprüht. Na wenn das nicht zum gemeinsamen Philosophieren einlädt …

Wie viel Meta verträgst du?

Zugegeben, der Start von Kafka am Strand und mir war etwas holprig. Während Kafka in aller Seelenruhe erstmal mit seinem imaginären Ego Krähe Kriegsrat hielt, fragte ich mich die ganze Zeit, ob ich was Entscheidendes verpasst hatte. Doch genau dieser Stil macht das Werk Murakamis zu etwas ganz Besonderem. Der komplette Roman ist durchzogen von Traumsequenzen, Meta-Ebenen, Symbolen und Zwischenwelten. Leitthema ist die antike Ödipus-Sage, die hier neu und frisch  interpretiert wird. Hinzu kommt eine unglaublich tolle Lesedynamik durch die pro Kapitel wechselnde Sichtweise der beiden Protagonisten. Immer, wenn es bei dem einen spannend wurde, endete das Kapitel. Man las dann schon ein wenig frustriert die Geschichte des anderen weiter, nur um noch gefesselter aus diesem Kapitel entlassen zu werden. Es war ein wahrer Teufelskreis, der dazu führte, dass ich den Roman regelrecht verschlang. Auch wenn ich bei weitem nicht alle Symboliken entziffern konnte, so wurde ich auf hohem Niveau unterhalten. Wer sich also hobbyphilosophisch betätigen möchte, dem kann ich Kafka am Strand wirklich wärmstens ans Herz legen.

Karoline

Autor: Haruki Murakami
Buchtitel: Kafka am Strand
Übersetzung: Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe

Verlag: C. Bertelsmann

Ein Gedanke zu “Die Irrungen und Wirrungen des Kafka Tamura

  1. madameflamusse schreibt:

    Seit diesem Buch lese ich Murakami nicht mehr. Ich fands schrecklich. War vorher große Fanin.

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