Wenn die Fassade zu bröckeln beginnt

© Foto: Ilke, 2016

Einer Zu-Verschenken-Kiste sei Dank entdeckte ich ein Buch, das mir unter normalen Umständen wohl nicht aufgefallen wäre.  Unsympath klang schon seltsam, doch der Klappentext sprach mich sofort an. So gab ich diesem verwaisten Roman ein neues Zuhause.

Peter Weidner hat alles, was man sich für ein glückliches Leben vorstellen kann: ein attraktives Aussehen, einen gut bezahlten Job als Musikproduzent, viel Freizeit und Frauen, die ihm zu Füßen liegen. Zudem ist er höflich, gebildet und zuvorkommend. Wäre da nicht ein großes Problem: all dies ist nur Fassade. Peter hasst Menschen, einschließlich sich selbst. Sein Perfektionismus, sein Hygienewahn und diverse Ticks machen den Alltag auch nicht einfacher. Sein einziges Hobby besteht in einer Art Feldstudie über Frauen, die in Zeitungsannoncen nach der großen Liebe suchen. Mit den verzweifeltsten von ihnen trifft er sich eine Zeit lang, um sie für seine Zwecke zu benutzen – für ein bisschen Sex nimmt er sogar die langweiligen, zutiefst banalen Monologe des anderen Geschlechts in Kauf. Um sich nicht bei all den Frauen, die er parallel trifft, zu verzetteln, führt er peinlich genau eine Liste über ihre Daten und Eigenarten. Der Protagonist ist angeödet von all dem Stumpfsinn, der ihn umgibt, sei es im Privatleben, auf Arbeit oder einfach auf der Straße. Es kostet ihn viel Kraft, seine Fassade aufrecht zu erhalten, dennoch hält er daran fest, um keine Nachteile zu bekommen. Penibel achtet er darauf, dass niemand seine wahre Natur erkennt. Doch nach und nach beginnt die Fassade zu bröckeln und es wird schwerer, die Maske der Höflichkeit aufzusetzen.

In kurzen, präzisen Sätzen, manchmal nur Wortgruppen oder einzelnen Wörtern, taucht der Leser in das Leben und damit in die Gedanken- und Gefühlswelt von Peter Weidner ein. Oft denkt er das eine und sagt das genaue Gegenteil. Die Natürlichkeit, in der Peter dies bewerkstelligt, ist schon fast beeindruckend, gleichzeitig aber auch sehr bedrückend. Man fragt sich unweigerlich, wie er es schafft, so zwischen seinem tatsächlichen Ekel und der aufgesetzten Freundlichkeit hin und her zu switchen. In manchen Ansichten oder Gedankengängen fand ich den Unsympathen sogar recht sympathisch, stellenweise konnte ich mich gut mit ihm identifizieren. Dann war ich wieder fasziniert und angeekelt zugleich von seiner Art, mit den Frauen, die er trifft, umzugehen. Der Perspektivwechsel, der an zwei Stellen eingeschoben wird, unterstreicht sehr gut die geradezu gegenteilige Wahrnehmung der „Beziehung“, die er mit einer Frau momentan hat. Doch Peter hegt nicht nur einen Groll gegen andere Menschen, sondern auch gegen die Oberflächlichkeit von menschlichen Beziehungen untereinander. Das Musikbusiness bekommt ebenso sein Fett weg. Ab einem bestimmten Ereignis nimmt der negative Strudel zu und Peters Eigenarten verschlimmern sich. Es wird schwieriger, den Schalter zwischen dem Gedachten und Gesagten richtig zu legen und Kraft für seine Maske aufzubringen. Sein Hass auf die Anderen scheint dabei das Einzige zu sein, das ihn noch etwas fühlen lässt.

Der Roman ist zwar mitreißend geschrieben, jedoch so vollgestopft mit negativen Emotionen und Hass, dass man ab und zu das Buch zur Seite legen und etwas Erfreuliches lesen muss. Der Unsympath hat mich überrascht, es ist vom Stil und der Geschichte anders als alles, was ich vorher gelesen habe. Mit einer Mischung aus Abscheu und Sympathie lässt einen der Protagonist nicht los. Das Ende ließ mich recht unbefriedigt zurück und mit dem unbestimmten Gefühl, etwas nicht verstanden zu haben. Dennoch habe ich die Lektüre genossen. Robin Felder hat hier ein super Debüt hingelegt und ich werde auch in Zukunft Werke von ihm lesen.

Ilke

Autor: Robin Felder
Buchtitel: Unsympath
Verlag: Edel

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