Flieg mit mir auf den Mond – aber stürz nicht ab

© Foto: Katrin, 2014

Wie sähe dein Leben aus, wenn der 2. Weltkrieg anders ausgegangen wäre und dein Mutterland noch immer die umliegenden Länder mit Krieg überziehen würde? Wie würdest du dich fühlen, wenn du in einem totalitären Regime zur Schule gehen müsstest? Wenn niemand möchte, dass du Fantasie beweist oder selbstständiges Denken erlernst? Was würdest du tun, wenn du ein gefährliches Geheimnis herausgefunden hättest, das für die Menschen im Land und darüber hinaus alles verändern könnte?

Diese Fragen beantwortet Zerbrochener Mond, indem eine Art alternative Zeitlinie der Weltgeschichte geschildert wird. Dort lebt der vierzehnjährige Standish Treadwill, dessen Eltern als Staatsfeinde gebrandmarkt wurden und überstürzt fliehen mussten. Seitdem wohnen er und sein Großvater als Menschen zweiter Klasse in einem verfallenen Haus von Zone 7, direkt vor einer Mauer, die im Auftrag des Staates immer höher gebaut wird. Es mangelt an Dingen des täglichen Bedarfs, Nahrungsmittel sind ständig knapp. Lediglich Ratten und Fliegen gibt es mehr als genug – genauso wie die allgegenwärtige Propaganda zur bevorstehenden Mondlandung. Mit diesem Meilenstein will das Mutterland allen anderen Völkern endgültig seine technologische Überlegenheit demonstrieren.

Gleich das Anfangskapitel lässt erahnen, dass die Geschichte kein gutes Ende nehmen wird. Standish ist Legastheniker und mit seinen verschiedenfarbigen Augen Außenseiter der Klasse. Als ins Haus nebenan Familie Lush einzieht, freundet er sich mit deren selbstbewusstem Sohn Hector an. Fortan unterstützen sie sich und lassen gemeinsam ihrer Fantasie freien Lauf. Eigentlich wünscht sich Standish nur eines: raus aus dieser Hölle, die sich Heimat nennt – hoch hinauf zu den Sternen, auf einen fremden Planeten, wo man neu anfangen könnte. In der Realität sind beide Jungen Gefangene eines Systems, in dem fortwährend Menschen verschwinden und gegenseitiger Verrat vom Staat belohnt wird. Die Erziehung zu künftigen Soldaten hat Priorität, Grausamkeit wird schon bei Kindern gefördert. Lange hat Standish es dank der Tipps seines gewieften Großvaters geschafft, nicht aufzufallen. Doch als beim Fußballspielen der Ball über die haushohe Mauer hinterm Garten fliegt, findet Hector heraus, was auf dem geheimen Militärgelände dahinter vor sich geht. Kurz darauf verschwindet er spurlos. Nun muss Standish sich entscheiden, was er zu tun bereit ist, um seinen besten Freund wiederzufinden …

Das Buch ist mit seinen 288 Seiten nicht besonders umfangreich, doch die kurzen, nicht-linearen Kapitel fordern ständige Aufmerksamkeit. Die Sprache ist mitunter etwas kindlich, da die Geschichte aus Sicht von Standish beschrieben wird – so werden Agenten des Systems als Ledermantelmänner bezeichnet oder Soldaten als Blattläuse. Aber davon lasse man sich nicht täuschen: die Handlung ist traurig, der Protagonist verdammt mutig und einige der geschilderten Szenen sind wirklich hart. Von eben diesen Kontrasten zwischen Sprache und Geschehnissen lebt das Buch. Die Thematisierung von Gewalttaten, kaltblütigen Exekutionen oder Arbeitslagern, in denen unerwünschte Mitglieder der Gesellschaft ihr elendes Dasein fristen, wirkt dadurch nur noch schockierender.

Fast unmerklich wird auf diese Weise eine beklemmende und bedrohliche Atmosphäre aufgebaut. Die Bürger des Mutterlandes leben in ständiger Überwachung und Furcht. Der brutale Alltag innerhalb der Diktatur lässt nur selten Gedanken an Freiheit zu, wahre Akte der Zivilcourage sind selten und wertvoll. Voller Angst versucht daher auch Standish, sich dem System anzupassen, denn was mit Andersartigen oder Querdenkern geschieht, wird ihm ständig vor Augen geführt. Ein blaues und ein braunes Auge, welche die Aufmerksamkeit auf das eigene Gesicht lenken, sind da keine besonders gute Voraussetzung. Dass er kaum lesen oder schreiben kann, bringt ihm zusätzliche Verachtung von Lehrern und Mitschülern ein, die ihn folglich für dumm und unwichtig halten. Wie falsch sie damit liegen! Denn seinen scheinbaren Mängeln zum Trotz ist Standish im Innersten genauso bemerkenswert wie rein äußerlich. Einfallsreiche und kritische Gedanken teilt er jedoch nur mit seinen Vertrauten – oder dem Leser. Das schweigende Beobachten hat ihm und seinem Großvater bisher das Überleben gesichert, genauer gesagt: ein Leben in Deckung. Doch Hector und seine Familie sind von anderer Art. Die Begegnung mit diesen intelligenten und mutigen Menschen kitzelt sämtliche Nonkonformität aus Standish heraus. Zu lesen, wie er nach und nach über sich hinaus wächst, stimmt trotz aller traurigen Passagen optimistisch.

Aufgeschlagen habe ich den Titel Zerbrochener Mond von Sally Gardner ursprünglich nur, weil mir die Illustration auf dem dunkelblauen Schutzumschlag gefiel. Entfernt man diesen, ist der Buchdeckel ähnlich passend bedruckt. Ein weiteres Plus sind die kleinen, aber feinen Illustrationen innen – zusammengenommen bilden sie eine unappetitliche Bildergeschichte zum Thema Fliegen und Ratten :).  Hängen geblieben bin ich letztendlich, weil Geschichte und Schreibstil mich sofort gefesselt haben. Zerbrochener Mond ist schlichtweg ein gutes Buch, denn es hallt auch nach dem Lesen im Kopf nach und bringt einen zum Nachdenken. Deshalb: klare Leseempfehlung für Jugendliche wie Erwachsene.

Katrin

Autorin: Sally Gardner
Illustrator: Julian Crouch
Buchtitel: Zerbrochener Mond, ab 14 Jahren
Übersetzung: aus dem Englischen von Ingo Herzke

Verlag: Carlsen

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2 Gedanken zu “Flieg mit mir auf den Mond – aber stürz nicht ab

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