Was den weißen Mitmenschen verborgen bleibt

© Foto: Karoline, 2020

Dank meiner lieben Freundin Conny bin ich seit kurzem Mitglied der Dussmann BuchCommunity auf Facebook. In regelmäßigen Abständen wird dort ein Buch durch die Gemeinschaft ausgewählt und kollektiv gelesen. Nach vorher festgelegten Abschnitten teilen die Lesenden ihre bisherigen Empfindungen und Gedankengänge mit. Los ging es für mich mit dem ambitionierten Roman Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie.

Ifemelu ist auf dem Weg zum Friseur. Sie möchte schick sein, wenn sie die weite Heimreise von Amerika nach Nigeria antritt. Ihre krausen Haare können nur von afrikanischen Frauen ordentlich gebändigt werden, also sitzt sie einige Zeit später in einem stickigen, muffigen Salon und wird von ihrer Friseurin mit Fragen in gebrochenem Englisch gelöchert. Seit wann ist sie in Amerika? Sie hat tatsächlich eine Greencard bekommen? Warum will sie nach all den Jahren im Paradies nur wieder zurück nach Nigeria, wo es wenig Perspektiven und viel Korruption gibt? Während des Gesprächs beginnt Ifemelu sich zu erinnern und nimmt uns mit auf eine Reise in ihre Vergangenheit: Von der unbeschwerten Kindheit in Afrika zu ihrer Reise nach Amerika, den zahlreichen Facetten des dortigen Rassismus und natürlich ihren Männern, allen voran ihrer großen Liebe Obinze. Wird es ihnen nach all den Jahren gelingen, die Scherben ihrer Beziehung wieder zusammenzusetzen?

Zugegeben, Americanah ist kein leichter Stoff und ich brauchte auch einige Seiten, um in die Geschichte zu finden. Die regelmäßigen Flashbacks verwirrten mich zunächst. Als ich aber den Rhythmus gefunden hatte, war ich begeistert von diesem recht unkonventionellen Erzählmuster. Mit Ifemelu und Obinze hat die Autorin zwei wirklich charmante Charaktere mit sympathischen Ecken und Kanten erschaffen. Die Geschichte ihrer Liebe ist herzerwärmend, tragisch und dabei doch erfreulicherweise wenig schmalzig. Doch auch die Nebencharaktere sind wunderbar in Szene gesetzt: Obinzes hochgebildete Mutter, Ifemelus arbeitsloser Vater, ihr Neffe Dike und ihre desillusionierte Tante Uju sind facettenreich und lebendig in Szene gesetzt. Ich habe sie alle ins Herz geschlossen und mit ihren teilweise sehr tragischen Schicksalen mitgelitten.

Besonders spannend wurde es, als Ifemelu, von den ständigen Streiks der Universitäten ernüchtert, beschloss nach Amerika auszuwandern. Ihre Zeit dort, der Kulturschock und die ständige Suche nach Arbeit waren mir näher und verständlicher als ihr Leben in Nigeria. Besonders der Alltagsrassismus nimmt einen wesentlichen – und den für mich spannendsten – Teil des Buches ein. Inspiriert von tagtäglichen Situationen beginnt Ifemelu einen Blog über ihr Leben als nichtamerikanische Schwarze in den USA zu schreiben und deckt dabei zahlreiche Missstände auf, über die ich mir seitdem Gedanken mache. Ein Beispiel: Mir war bis dato nicht klar, dass viele schwarze Frauen ihre naturkrausen Haare glätten, um “weißer” auszusehen. Sie verbrennen sich Haare und Kopfhaut mit heißen Eisen und ätzenden Chemikalien, nur um einen besseren Job zu bekommen oder in bestimmten Schichten akzeptiert zu werden. Diese Art von Rassismus wird Curl Shaming genannt. Selbst Stilikonen wie Beyonce und Michelle Obama können sich dem gesellschaftlichen Druck nicht widersetzen.  Dass es so etwas überhaupt gibt und dass viele (vor allem Frauen) gezwungen sind, sich mit solchen Problemen überhaupt auseinandersetzen zu müssen, erschreckt mich zutiefst.

Natürlich ist es unausweichlich, dass Ifemelu und Obinze sich am Ende wieder begegnen. Viele Jahre sind vergangen, für die beiden und auch für uns als Leser, die wir alles mit verfolgt haben – bei Ifemelu wesentlich ausführlicher als bei Obinze. Das ist auch der Grund wieso mir Obinze bis zum Ende nicht so recht greifbar erschien und ich mich daher mehr mit Ifemelu identifizieren konnte. Nichtsdestotrotz hat mich Americanah aus den Socken gehauen und mich gedanklich aus meiner Komfortzone geholt. Nach dem Verlust meines Buchhändlers des Vertrauens bin ich nun sehr glücklich, mit der Dussmann Community einen neuen Impulsgeber für Lesestoff abseits des Mainstreams gefunden zu haben und freue mich schon auf die nächste Leserunde!

Karoline

Autor: Chimamanda Ngozi Adichie
Buchtitel: Americanah
Übersetzung: aus dem Englischen von Anette Grube
Verlag: Fischer Taschenbuch

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