Der ewige Kampf auf den Dörfern

© Foto: Karoline, 2017

Auch wenn der Untergang der DDR und die damit verbundene Wende schon Jahrzehnte zurückliegen, so gibt es nach wie vor viele Menschen, die dieses einschneidende Erlebnis beschäftigt. Immerhin ging damals nicht nur die Staatsform, sondern ihr ganzer geregelter Alltag mit unter. Wie nach all den Jahren die Menschen ticken, das zeigt Juli Zeh in ihrem gefeierten Werk Unterleuten. Ich war gespannt, aber auch skeptisch, ob sie mit dem nötigen Einfühlungsvermögen dieses heikle Thema meistern würde. Spoiler: Es ist ihr unnachahmlich gelungen!

In der ländlichen Mark Brandenburg, dort wo Fuchs und Hase sich Gutenacht sagen, liegt das kleine Dörfchen Unterleuten. Seine knapp 200 Einwohner leben hauptsächlich von der umliegenden Landwirtschaft. Daher sind sie alles andere als begeistert, als eines Tages ein komischer Lackaffe zu ihnen kommt und ihnen die Vorteile eines Windkraftparks erläutern möchte. Als besagter Schaumschläger ihnen klarmacht, dass sie keine andere Wahl haben und alles bereits beschlossen ist, beginnen sich schnell Fronten zu bilden. Hier gilt, jeder gegen jeden: Kommunist gegen Kapitalist, Alteingesessene gegen Dazugezogene, Ost gegen West, Jung gegen Alt, Frau gegen Mann, Land gegen Stadt. Wenig später eskaliert der Streit und endet in einem dramatischen Höhepunkt.

Endlich habe ich mich getraut! Viel Gutes hatte ich über das neuste Werk von Juli Zeh gehört, mich aber trotzdem nie so recht heran gewagt. Zu sehr hatte ich Angst, dass es mit bösen Klischees spielen und ich mich angegriffen fühlen würde. Immerhin stamme ich selbst aus einem kleinen Örtchen in Mecklenburg-Vorpommern, wenn auch mit mehr Einwohnern als das erfundene Unterleuten. Ich wurde jedoch rundweg positiv überrascht und auch noch Wochen danach hält meine Begeisterung für diese gelungene Gesellschaftsanalyse eines brandenburgischen Dörfchens an.

Juli Zeh versteht es die unterschiedlichsten Charaktere zu beleuchten. In einem kapitelweisen Wechsel wird immer wieder eine andere Person in den Mittelpunkt des Dramas gerückt. Der Leser erfährt etwas über dessen Weltsicht und seinen inneren Antrieb. Ich konnte jeden einzelnen von ihnen nachvollziehen. Schwarz/Weiß-Sichten sind hier fehl am Platz, stattdessen präsentierte sich mir eine riesige Palette an unterschiedlichsten Grautönen, von denen ich nicht mal wusste, dass sie existieren. Jeder Charakter wird mit seinen Stärken und Schwächen gezeigt. Jeder trägt etwas von einer Karikatur in sich, auch wenn sie keine reinen Klischees erfüllen. Da wird schon mal der zuerst äußerst sympathisch wirkende Mitstreiter zum absoluten Arschloch, und das alles innerhalb eines einzigen Kapitels. Aber auch das Gegenteil ist der Fall: vermeintliche Unsympathen werden von ihrer liebevollen Seite gezeigt und man kann sein Herz für sie erwärmen. Am Ende schafft Frau Zeh es, alle losen Fäden zusammenzuführen und kreiert ein rundes Abschlusskapitel, das keine Fragen offen und mich dafür äußerst zufrieden zurücklässt.

Wenn man selbst vom Land kommt, dann weiß man wohl oder übel aus eigener Erfahrung wie viel Wahrheit in diesem Roman steckt. Es ist zwar alles humorvoll verpackt, aber dennoch ist genug Dramatik und Spannung enthalten, um daraus einen Krimi zu machen. Juli Zeh hat Charaktere geschaffen, wie es sie auf jedem Dorf gibt. Ob es nun die gnadenlos gescheiterten Stadtbewohner sind, die sich auf dem Land als Idealisten aufspielen oder die Alteingesessenen, die denken, sie wissen wie der Hase läuft, und dabei das große Ganze vergessen. Das Leben auf dem Land ist eben hart und rau, aber auch genauso lebenswert und erfüllend.

Karoline

Autor: Juli Zeh
Buchtitel: Unterleuten
Verlag: Luchterhand

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6 Gedanken zu “Der ewige Kampf auf den Dörfern

  1. Tintenhain schreibt:

    Ich war ja auch so begeistert und habe das Buch so schnell durchglesen, dass ich mich gewundert habe, warum ich es so lange vo mir hergeschoben habe. ich fand die Charaktere toll und es hat richtig Spaß gemacht, eine Weile in Unterleuten meine Lesezeit zu verbringen.

    LG,
    Mona

    • Karoline schreibt:

      Hallo Mona, ich fand die Figuren eben so unglaublich authentisch… Hab es auch regelrecht verschlungen! Hattest du einen Lieblingscharakter? Ich glaub meiner war der alte Kauz… Aber das schwankte alles so von Kapitel zu Kapitel 😉
      Hast du zufällig auch schon „Altes Land“ gelesen?
      LG, Karo

      • Tintenhain schreibt:

        Einen Lieblingscharakter hatte ich nicht, fand es aber beeindruckend, dass jeder seine Bühne bekommen hat und man alle irgendwie verstehen konnte. Warum sie so waren und dachten.
        „Altes Land“ fand ich auch richtig toll. Ich muss auch jetzt noch oft an das Buch denken. Auch wenn ich andere Bücher zu Flucht und Vertreibung oder die Nachkriegszeit lese.

        Liebe Grüße,
        Mona

      • Karoline schreibt:

        „Altes Land“ hatte mich auch sehr beeindruckt, ich find beide Bücher haben da einige Parallelen. Überhaupt mag ich das Revival der Dorfromane sehr gerne. „Vor dem Fest“ soll ja auch dazu gehören, aber das Buch hab ich leider noch nicht gelesen. LG Karo…

      • Tintenhain schreibt:

        Ich auch nicht, obwohl ich schon so viel darüber gehört habe. Wenn ich gerade so darüber nachdenke, es wurde beim Bücherstammtisch von der selben empfohlen, die auch die anderen empfohlen hat. ☺

      • Karoline schreibt:

        😉 dann sollten wir uns das gute Stück mal vornehmen. Hatte irgendwie mitbekommen, dass die Sprache da auch so besonders sein soll. Der Autor schreibt auf deutsch, das aber nicht seine Muttersprache ist (wenn ich mir das richtig gemerkt hab)

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