Welche Himmelsfarbe hat Nordirland? Und was macht eigentlich Milchmann?

© Foto: Karoline, 2020

Unser Weltenbummler-Monat zu Irland ist vorbei, doch beschäftigt er mich immer noch. Bei meiner Buchrecherche stieß ich auf die Man Booker Prize-Gewinnerin aus dem Jahr 2018: Anna Burns. Es war ein Wink des Schicksals, dass ich genau im Januar in den Besitz eines unkorrigiertes Leseexemplars ihres prämierten Romans Milchmann gelangte.

Es sind die wilden 70er in Nordirland: Die namenlose Protagonistin (von anderen nur als Mittlere Schwester bezeichnet) versucht durch gezieltes Nicht-Auffallen ihren Alltag zu bewältigen. Sie verschließt die Augen vor dem schwelenden Nordirlandkonflikt, indem sie beim täglichen Gang zur Arbeit immer ein Buch liest. Am liebsten schmökert die 18-Jährige Werke aus dem 18. und 19. Jahrhundert, auf keinen Fall etwas aktuelleres, das sie an das Leben im Hier und Jetzt erinnern könnte. Doch ihre Strategie schlägt fehl: Sie fällt dem Milchmann auf.

Er ist kein richtiger Milchmann (der echte Milchmann ist ein Schulfreund ihrer Mutter), sondern ein falscher Milchmann, der nur aufgrund seines weißen Transporters so genannt wird. Viel schlimmer: Er ist ein ranghoher Verweigerer, verheiratet und mehr als doppelt so alt wie sie. Immer wieder passt er sie scheinbar zufällig auf der Straße ab und beginnt ein recht einseitiges Gespräch mit ihr. Er bringt stets zum Ausdruck, dass er alles über sie weiß und macht Andeutungen: dass ihrem Vielleicht-Freund (der mal Richtiger Freund war, bis man sich auf eine Vielleicht-Beziehung geeinigt hatte) etwas passieren könnte. Vielleicht steckt ja im nächsten Auto des Mechanikers eine Bombe? Dem Milchmann wäre es zuzutrauen. Mit seinen perfiden Spielchen zermürbt er nach und nach die junge Frau, bis alles in einem blutigen Showdown eskaliert.

Der Milchmann wird sterben. Was wie ein Spoiler klingt, ist jedoch bereits ab den ersten Seiten ersichtlich. Je tiefer ich in die Materie des Nordirlandkonflikts gesogen wurde, desto klarer wurde es auch. Hier gingen Streitigkeiten nie gut aus. Die jungen Männer starben wie die Fliegen, zwei Brüder von Mittlerer Schwester hatte es bereits erwischt. Wer sich dem Widerstand anschloss, der hatte kein langes Leben zu erwarten. Mit Widerstand waren die Menschen (des britischen) Nordirlands gemeint, die Katholiken waren und gern zu Irland gehören wollten. Großbritannien war der Feind: die Polizei, Krankenhäuser, bestimmte Nachbarn, selbst Einkaufsläden und einige Teesorten wurden abgelehnt. Alles wurde kategorisiert und in schwarz/weiß unterteilt. Gerüchte wurden gestreut und konnten der Reputation schaden. So wie bei dem Milchmann und der Protagonistin, die plötzlich als Groupie abgestempelt wurde, wahrscheinlich schon schwanger war und somit Schande über die Familie brachte. Um genau diese Kategorisierung zu unterstreichen verwendet Anna Burns in ihrem Roman keinen einzigen richtigen Namen. Jede Figur bekommt stattdessen einen Stempel aufgedrückt: Schwager 1, Schwester 3, Vielleicht-Freund oder eben Milchmann.

Milchmann ist komplett aus der Sicht der Protagonistin geschrieben. Ihren Gedankengängen zu folgen, war einerseits spannend, andererseits aber auch zeitweise anstrengend. Eigentlich passiert nicht viel in dem Buch. Oft wird ein winziger Fetzen Handlung vorangebracht, damit Mittlere Schwester sich wieder in ihren Erinnerungen und Überlegungen verlieren kann. Wir lernen zahlreiche Mitglieder ihrer Gemeinde kennen, ob es nun der stalkende Irgendwer McIrgendwas oder das irre Tablettenmädchen ist. Es werden viele, teils tragische Einzelschicksale beschrieben, die einen tiefen Einblick in diese so heillos gespaltene Gesellschaft geben. Dennoch verlor Anna Burns in ihrer Geschichte etwas zu oft den Fokus. Ich war gespannt, wie es mit dem Milchmann weiterging und bekam stattdessen seitenlang die ersten zarten Versuche der Emanzipation einiger Frauen beschrieben. Die teilweise sehr verschachtelten Sätze, die sich über diverse Zeilen erstreckten und parallel mehrere Gedankengänge bedienten, trugen ebenfalls zu einem nicht ganz optimalen Lesefluss bei. Andererseits packte mich die Geschichte dennoch so sehr, dass ich sie innerhalb weniger Tage ausgelesen hatte. Das lag einerseits am interessanten Thema, andererseits aber auch an den fehlenden Absätzen. Wo sollte ich nur abbrechen, wenn gefühlt 100 Seiten ein einziger Abschnitt sind? Da blieb mir wohl nichts anderers übrig, als immer weiter zu lesen. Ich mutmaße mal, dass es sich hier um Stilelemente handelt, sodass es in der korrigierten Variante des Buches keine gravierenden Unterschiede geben wird.

Anna Burns hat es mit Milchmann geschafft, mich auf ein polithistorisches Thema zu lenken, von dem ich bisher keine Ahnung hatte. Mit Feingefühl schildert sie den nordirischen Alltag, der vom ewigen Konflikt geprägt ist und schloss damit auf unterhaltsame Weise meine eklatanten Bildungslücken. Sie zeigt auch wunderbar metaphorisch, dass nicht alle Leute nur den schwarz/weißen alias grau/blauen Himmel sahen, für einige Menschen hielt er sämtliche Farben der Welt parat. Ist das nicht eine universelle, ja fast philosophische Ansicht, die sich auch auf die heutige Zeit und die aktuellen Konflikte wunderbar übertragen lässt? Am 22. Februar 2020 erscheint Milchmann, macht euch gern selbst ein Bild!

Karoline

Autorin: Anna Burns
Buchtitel: Milchmann
Übersetzung: Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll
Verlag: Tropen

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