Reizthema mit Triggerwarnung

© Foto: Katrin, 2018

Und wieder starrte sie mir mit großen Lettern aus dem Bücherregal entgegen: eine Nautilus Flugschrift. Der Titel? Vergewaltigung. Äußerst plakativ und zur Sache.  Das Buch der Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Journalistin Dr. Mithu Melanie Sanyal enthält denn auch gleich zu Beginn eine Triggerwarnung. Schließlich geht es um ein überaus heikles Thema, das unser aller Leben wie kaum ein anderes Verbrechen beeinflusst. Ich war gleichermaßen gespannt und sehr skeptisch, welche Reaktionen das Gelesene bei mir hervorrufen würde. Immerhin hat ein solches Buch nicht unbedingt einen Wohlfühlfaktor …

Mit der Bewertung sexueller und sexualisierter Gewalt ringt unsere Gesellschaft heute mehr denn je. Fast nichts anderes geht uns so  an die Nieren, spaltet uns in Lager, wird von den einen geächtet und den anderen abgetan. In keinem anderen Gebiet wird nach wie vor ein derart schwarz-weißes Bild vom aktiven, aggressiven Mann und der passiven, bedrängten Frau gezeichnet. Sanyals Buch ist eine Kultur- und Begriffsgeschichte der Vergewaltigung, die verstehbar macht, wie über hunderte von Jahren Sexualität und Gewalt an diese Rollenbilder geknüpft wurden. Es ist ein Buch, das sich mit Begrifflichkeiten beschäftigt. Es geht um Wörter, die wir alle benutzen, ohne groß darüber nachzudenken. Wörter wie Täter und Opfer, Scham und Ehre, Würde und Stigma. Wie, wann und warum sagen wir Vergewaltigung und auf welche Weise wirkt sich das auf unsere Gesellschaft aus? Das ist häufig hoch spannend, denn nicht immer waren mir der Ursprung, eine bestimmte Konnotation oder selten beachtete Widersprüche bewusst.

Die Themen Geschlechterrollen und sexuelle Gewalt beschäftigen mich schon seit Jahren. Mit diesem Sachbuch ist mir überdeutlich klar geworden, dass es sich lohnt, breit gefächert zu lesen, anstatt nur bei einem Autor zu bleiben. Überschneidungen entstehen, Blickwinkel verschieben sich, gefühlsmäßige und intellektuelle Aspekte kommen zusammen. Ich gebe zu, dass ich Vergewaltigung nicht einfach so verschlingen konnte wie andere Sachbücher. Es war keine leichte Lektüre, kein Hey-lass-uns-mal-gechillt-drüber-reden. Die geerdete Herangehensweise der Autorin an das hoch emotionale Thema hat mich sogar etwas überrascht. Letztendlich bietet Sanyal dadurch nicht nur einen Kontrast zu vielen subjektiven Betrachtungen, sondern durchleuchtet diese auch noch.

Liest sich diese Nautilus Flugschrift gelegentlich etwas trocken? Sicher. Mithu Sanyals Ausführungen in Vergewaltigung finden auf einer sehr intellektuellen Ebene statt. Es geht um Sprache und welche Wirkung sie auf uns hat. Daher ist es gelegentlich eine Herausforderung, allen Nuancen zu folgen. Mich hat es nicht davon abgehalten, das Sachbuch gleichbleibend interessiert von vorn bis hinten durchzulesen. Denn es hat nicht nur Gewicht, sondern IST wichtig. Unter den Nautilus Flugschriften versteht sich Jack Urwins Boys don’t cry als persönlicher Einstieg in das Thema Männlichkeit, Laurie Pennys Unsagbare Dinge sind eine kämpferische und subjektive Abhandlung über Rollenbilder. Mithu Sanyals Buch Vergewaltigung hingegen ist von der leisen Sorte. Eines, das sich einschleicht, das differenziert, ganz ohne Effekthascherei nachdenklich stimmt und keine Feindbilder zelebriert. Sondern es lässt den Leser nachvollziehen, wie unser Umgang mit Sprache die eigene Realität verändert. Dafür lohnt es sich, die eigene Komfortzone zu verlassen.

Katrin

Autorin: Mithu M. Sanyal
Titel: Vergewaltigung
Verlag: Edition Nautilus, Nautilus Flugschrift

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