Das vielleicht stärkste Mädchen der Welt

© Bild: filmstarts, 2018

Zu vielen Orten auf dieser Welt haben wir bereits ein Bild vor Augen bevor wir sie jemals erblicken oder besuchen. Denke ich an Schweden, geht es mir ganz genau so! Mit diesem Land verbinde ich unbeschwerte Sommer, gemütliche Winter und eine wilde, unbändige Freiheit. Wohl kaum eine andere hat mein Bild von Schweden so früh geprägt wie Astrid Lindgren mit ihren Geschichten. Während ihre Bücher und Figuren wohl vielen zumindest dem Namen nach bekannt sein dürften, weiß man zu ihrem Leben häufig wesentlich weniger. Der neue Film Astrid von Pernille Fischer Christensen hat sich aufgemacht um das zu beheben!

Bereits in den ersten Szenen lernen wir eine eigensinnige junge Astrid kennen, die nicht so recht in das Leben in der südschwedischen Kleinstadt Vimmerby passen will. Sie tanzt wie ein wildes Flapper Mädchen, langweilt sich in der Kirche und hat einen nahezu unstillbaren Lebenshunger. Als Astrid 17-jährig eine Stelle als Volontärin bei der lokalen Zeitung antritt, bemerkt sie schnell die wachsende Zuneigung des Inhabers und die beiden beginnen ein Verhältnis. Astrid wird ungewollt schwanger. Eine heikle Situation, denn er ist noch verheiratet, bereits siebenfacher Vater und mehr als doppelt so alt wie sie. Astrid wird nach Stockholm geschickt, um das Geheimnis zu bewahren und bringt schließlich in Kopenhagen einen Sohn zur Welt. Der muss nun so lange bei einer Pflegemutter leben, bis die Verhältnisse in Schweden geklärt sind. Doch das zieht sich hin und Astrid wird immer unruhiger.

Für uns ist es heute vielleicht nur noch schwer vorstellbar, was für ein Tabubruch ein uneheliches Kind damals für eine junge Frau überhaupt darstellte. Entsprechend brauchte es eine sichere Hand, um die Welt, in der Astrid sich bewegt, nachvollziehbar zu machen. Die beweist Christensen, wenn sie zeigt wogegen die junge Frau antreten muss. Trotzdem entscheidet sich Astrid immer wieder nicht für den bequemen Weg. Dazu gehört eine gehörige Portion Mut, für die man die Autorin nur bewundern kann. Allerdings ist Astrid keine einfache Persönlichkeit. Sie macht Fehler, ist manchmal übermütig oder unbesonnen. Doch trotz der Hindernisse hört sie nie auf nach all ihren Träumen und Wünschen zu greifen.

Dass man diese Eigenschaften und Gefühle auf der Leinwand sieht, verdanken wir auch der Darstellerin Alba August, die Astrid verkörpert. Sie spielt den ungestümen Drang der jungen Frau mit einem ansteckenden Enthusiasmus, bringt jedoch genauso die Nuancen der leiseren Gefühle zum Vorschein. Den Schmerz, wenn sie ihr Kind zunächst in Dänemark zurücklässt, weil der Kleine sie nicht als seine Mutter erkennt. Die Wut, wenn Astrid die eigene Familie konfrontiert. Oder den Zweifel, wenn sie sich für oder gegen den Vater ihres Sohnes entscheiden muss. Unweigerlich bahnen sich diese Gefühle ihren Weg und brechen wie in einem großen Schwall hervor.

Es ist erstaunlich, dass es einem Film mit derartigem Fokus auf die Hauptperson gelingt, eine schwarz-weiße Darstellung der Nebenfiguren zu vermeiden. Astrids tiefreligiöse Mutter versucht sie dazu zu bringen, das Kind zurückzulassen. Und doch will sie nur das Beste für ihre eigene Tochter. Die dänische Pflegemutter wird zu Astrids Stütze. Und doch liebt sie das Kind so sehr, dass sie es am liebsten nicht mehr hergeben möchte. Diese Facetten aller Figuren verhindern eine unnötige Abstumpfung der Geschichte.

Die Kapitel aus dem Leben der jungen Astrid sind eingebettet in eine Rahmenhandlung, die zeigt was sie einmal für andere Menschen bedeuten wird. Schon hochbetagt öffnet die Autorin unzählige Briefe von Kindern, die ihr zum Geburtstag gratulieren. Sie berichten in liebevollen Zeilen von ihren aufrichtigen Gefühlen. Von Generationen wurde sie gelesen, junge und alte Leser haben sie geliebt. Woher das tiefe Verständnis und die Einfühlsamkeit in ihren Büchern kommen, kann man nach Astrid wohl besser verstehen.

Bettina

Regisseurin: Pernille Fischer Christensen
Filmtitel: Astrid
Erscheinungsjahr: 2018

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