Ägypten probt den Aufstand

© Foto: Karoline, 2018

Es ist Mai! Das bedeutet, dass ein neuer Weltenbummler-Monat auf uns wartet. Diesmal dreht sich alles rund um Ägypten. Dafür habe ich mir Inspiration bei meiner Kollegin geholt. Diese hat nämlich einen familiären Bezug zum Land der Pharaonen und legte mir wärmstens Alaa Al-Aswanis Werk Der Automobilclub von Kairo ans Herz. Da er einer der wenigen international renommierten ägyptischen Autoren ist und auch in deutscher Übersetzung erscheint, griff ich natürlich gleich zu und versprach mir so einiges.

Ägypten zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Das Land ist besetzt vom British Empire. Die Briten plündern die Naturschätze und herrschen über die ägyptische Bevölkerung. Diese wird im eigenen Land zu Menschen zweiter Klasse  degradiert. Titelgebender Schauplatz der Handlung ist der elitäre Automobilclub von Kairo. Er symbolisiert mit seinem Protz und Prunk die Schiefstellung der Gesellschaft. Hier feiern die weißen Snobs und ägyptischen Herrscher ihren Wohlstand, während die Bediensteten des Hauses geschlagen und schikaniert werden, bis sie spuren. Erzählt wird die Geschichte einer ganz normalen ägyptischen Familie. Vater Abdalasîs und Mutter Rakîja kamen mit den vier Kindern aus Oberägypten nach Kairo, um sich hier ein neues Leben in bescheidenen Verhältnissen aufzubauen. Um die Familie zu ernähren, heuert Abdalasîs im Automobilclub an und muss schon bald feststellen, dass Stolz und Ehre dort fehl am Platze sind. Denn der Kô, Leiter des Personals im Automobilclub und selbst Ägypter, herrscht mit eiserner Hand über das Personal. Er zögert nicht bei Prügelstrafen, um seine Leute gefügig zu machen. Als rechte Hand des Königs hat er selbst nichts zu befürchten. Ein dramatischer Zwischenfall zwingt auch die vier jugendlichen Sprösslinge, sich neu zu orientieren. Wann werden sie und all die anderen unterdrückten Ägypter endlich anfangen sich zu wehren?

Jedes Mitglied der Familie Abdalasîs bedient ein anderes Thema rund um das ägyptische Leben und bringt dem Leser auf äußerst unterhaltsame Art diese fremde Kultur näher: Der älteste Sohn Saîd ist faul und egozentrisch. Er besucht die Handelsschule, nachdem es für ein Studium nicht reicht und neidet seinen Geschwistern den Erfolg. Seine Figur zeigt dem Leser das Verhältnis von Mann und Frau und Ehepartnern im ägyptischen Alltag. Sohn Machmûd ist nicht sehr schlau und leicht beeinflussbar. Als Schulschwänzer trainiert er lieber seinen Körper als seinen Geist. Er ist ziellos im Leben, doch sein bester Freund Fausi leitet ihn, sodass auch er einen Platz findet. Ob es wohl der richtige ist? Sohn Kâmil ist intelligent und strebsam. Der Jura-Student hat einen großen Gerechtigkeitssinn und engagiert sich für die Befreiung seines Landes. Der Leser entdeckt dank ihm die politischen und gesellschaftlichen Missstände. Die hübsche Salîha ist die einzige Tochter des Hauses. Sie hat Köpfchen und strebt ein Studium an. Jedoch ist dieser Traum konträr zur gesellschaftlichen Pflicht der Frau früh zu heiraten und Kinder zu bekommen. Das junge Mädchen zeigt die gesellschaftliche Zwickmühle der Frau.

Doch all das war Herrn Al-Aswani noch nicht abwechslungsreich genug. Im Prolog tritt der Autor höchstpersönlich auf. Er hat gerade seinen großen Roman beendet, als an seiner Tür zwei seiner Romanfiguren klopfen und sich eine Stimme verschaffen wollen. Sie haben die Geschichte aus ihrer Sicht niedergeschrieben und bitten ihn, ihre Berichte zu veröffentlichen. So legt Al-Aswani den Grundstein für den kapitelweisen Wechsel zwischen allwissendem Erzähler und der Ich-Perspektive von Tochter Salîha und Sohn Kâmil. Zu Beginn wusste ich nichts mit dieser ungewöhnlichen Einleitung anzufangen, aber nach den ersten Kapiteln ergab alles einen Sinn und ich war begeistert von diesem kleinen Geniestreich.

Sprachlich hat Der Automobilclub von Kairo auch so einiges zu bieten. Al-Aswani bedient sich einer schönen, jedoch nicht zu geschwollenen Sprache und zeigt, dass er ein wunderbarer Geschichtenerzähler ist. Besonders bei der Charakterisierung neuer Figuren zeigt er sich wortgewandt, humorvoll und kreativ.

Die 650 Seiten waren schnell verschlungen. Da die Kapitelenden meist mit einem Cliffhanger abschlossen, hatte ich einfach keine andere Wahl, als immer weiter zu lesen. Die parallel verlaufenden Handlungsstränge erzeugten einen zusätzlichen Spannungsbogen, denn wirklich jedes Familienmitglied hat eine faszinierende Geschichte zu erzählen. Daher bleibt mir an dieser Stelle nichts anderes übrig, als meiner Kollegin für den ausgezeichneten Tipp zu danken und allen dieses kleine Meisterwerk ans Herz zu legen.

Karoline

Autor: Alaa Al-Aswani
Buchtitel: Der Automobilclub von Kairo
Übersetzung: aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich
Verlag: S. Fischer Verlag

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