Ein Kunstwerk über Kombüsen, Komik und Kannibalismus

© Foto: Karoline, 2017

Das Floß der Medusa gilt als eines der berühmtesten Gemälde der französischen Geschichte. Doch sowohl dieses Kunstwerk, als auch sein tragischer Ursprung sind mir bis zu Franzobels gleichnamigem Roman unbekannt gewesen. Da ich aber ein Liebhaber von Geschichten mit wahrem Hintergrund bin, war meine Aufmerksamkeit geweckt. Dass der Autor mit seinem Buch auch auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis gelandet ist, stachelte meine Neugier dabei nur umso mehr an.

Für alle Banausen wie mich, die die Geschichte bisher nicht kannten, möchte ich sie noch einmal kurz zusammenfassen. Im Jahr 1816 legt in Frankreich die Fregatte Medusa ab, Ziel ist der Senegal. Dort wollen die Reisenden ihre Plantagen begutachten, neue Ämter besetzen, Warenhäuser gründen oder einfach ein neues Leben beginnen. Doch ein unfähiger Kapitän, der sich mehr um seine gepuderte Perücke schert und sich von einem Hochstapler umgarnen lässt, fährt das Schiff mitten auf dem Meer auf eine Sandbank. Ein eklatanter Mangel an Rettungsbooten sorgt dafür, dass ein Großteil der Besatzung zurückbleiben und sein Glück auf einem provisorisch gezimmerten Floß versuchen muss. 147 Menschen drängen sich orientierungslos auf diesem riesigen Brett. Sie stehen bis zur Hüfte im Wasser, sind schnell ohne Nahrung und treiben ziellos im Mittelmeer. Rettung werden sie erst nach über zehn Tagen erhalten. Als die Retter eintreffen,bietet sich ihnen ein grausiger Anblick: nur 15 ausgemergelte Gesichter, verstreute Gliedmaßen und zum Trocknen aufgehängtes Menschenfleisch.

Das Schicksal der Medusa wäre wohl nie ans Tageslicht gekommen, hätten nicht der Zweite Schiffsarzt Savigny sowie einige Mitstreiter einen anklagenden Bericht vorgelegt. Erst dadurch konnte der Künstler Géricault sein berühmtes Werk malen und das Geschehen unvergesslich machen. Aufgrund dieser tatsächlich passierten Grausamkeit hatte ich zuerst etwas Bedenken, dass mir das Buch zu düster sein würde. Weit gefehlt. Franzobel ist ein wahrer Meister der bildlichen, wie humorvollen Sprache – und dies sowohl in schöner, als auch fäkaler Hinsicht.

„Dieses Mädchen war zarter und reiner als ein Porzellanservice, zerbrechlicher als ungekochte Nudeln, und in ihren Bewegungen sanft wie ein Eichhörnchen im Schnee.“

Franzobel, Das Floß der Medusa, S. 235

Gemeint ist die wunderschöne, wenn auch durch einen immer größer werdenden Blutschwamm auf der einen Gesichtshälfte etwas entstellte Tochter des neuen Gouverneurs. Den Kapitän hingegen beeinträchtigt seine eigene Inkompetenz, mit einem so riesigen Schiff umzugehen:

„Seit seiner Abreise plagte ihn die wässrig braune Suppe, die aus seinem Hintern schoss. Er hatte Bauchschmerzen, und sein Anus brannte. Das sind die Nerven, sagte er sich selbst, die Nerven …“

Franzobel, Das Floß der Medusa, S. 166

Der beißende Wortwitz, in Kombination mit einer genialen Charakterisierung einiger sehr schrulliger Zeitgenossen, zieht sich durch die gesamte erste Hälfte des Romans, in dem der Schiffsalltag vor der Katastrophe ausgiebig geschildert wird. Wir lernen anhand Franzobels ausgefeilter Wortgewalt nicht nur den reizdarmgeplagten Kapitän, sondern auch den hasenschartigen Smutje („Was scholl dasch?“), den bösartigen Küchenjungen Clutterbucket („Ham mir dies, ham mir das“) und die stets streitlustige Frau Picard (mit ihrem Ehemann „Charliiie“) kennen. Die Offiziere werden kurzerhand zu Lino Ventura und Alain Delon umgetauft, sodass bei mir sofort ein Kopfkino losgetreten wurde.

Einer seiner Hauptcharaktere, der aus einem reichen Elternhaus entlaufene neue Kombüsenjunge Viktor, bekommt jedoch kein berühmtes Pendant. Er nimmt mit dieser Einzigartigkeit auch eine besondere Stellung im Buch ein. Er erschien mir sogar als Gleichnis. Denn Franzobel versteht es ausgezeichnet, auf die damals gerade niedergeschlagene Französische Revolution mit ihren Auswirkungen einzugehen. Genau wie viele Franzosen unter Napoleon von einem freien bürgerlichen Leben träumten, so betrat Viktor voller Hoffnung die Medusa. Genau wie bei Napoleon ging dieser Traum von Freiheit jedoch in Chaos unter, bis hin zur Selbstzerfleischung in Form des Kannibalismus, um schließlich wieder beim verhassten Alten zu enden.

Etwas verwirrend erschienen mir anfangs die Stichpunkte, die stets die Anführungszeichen der wörtlichen Rede ersetzen. Je häufiger jedoch im Buch geredet wurde, desto genialer fand ich diesen Einfall. Denn so war es dem Autor auch mitten in einem Gespräch möglich, zynische Bemerkungen anzubringen, die mich mehr als einmal lauthals auflachen ließen.

Vor dieser geballten Sprachgewalt und dem wunderbaren Wortwitz kann ich mich nur verneigen und mich bei Herrn Franzobel für das wirklich außergewöhnliche Leseerlebnis bedanken. Dieses Buch wird mir wohl noch lange Zeit im Kopf herumschwirren.

Karoline

Autor: Franzobel
Buchtitel: Das Floß der Medusa
Verlag: Zsolnay

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