Auf der Suche nach einem Zuhause

© Foto: Katrin, 2019

Endlich zurück in Becky Chambers Wayfarer-Universum! Nach ihrem Auftakt Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten landeten auch ihre anderen Bücher auf meiner mentalen Leseliste. Gestern habe ich mir einen ihrer Folgeromane, Zwischen zwei Sternen, zu Gemüte geführt und war etwas irritiert. Der Roman ist keine Fortsetzung, sondern folgt zweien der Nebencharaktere aus dem ersten Band. Die tolle Geschichte funktioniert auch völlig unabhängig vom Vorgänger und hat sich daher in meinen Augen eine eigenständige Rezension verdient. Auf geht’s!

Ihr fragt euch, wie sich eine künstliche Intelligenz fühlt, wenn sie plötzlich nicht mehr Teil eines Raumschiffs ist, sondern einen synthetischen Menschenkörper besitzt? Lovelace fällt es jedenfalls äußerst schwer, sich mit den damit einhergehenden Einschränkungen abzufinden. Nur gut, dass ihr die leicht verrückte Technikerin Pepper zur Seite steht, die genau weiß, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Universum völlig auf den Kopf gestellt wird. Mit ihrer Hilfe versucht Lovelace auf Port Coriol ihren Platz zu finden und erfährt nebenher so einiges über ihre Gastgeberin.

Auch in diesem Roman schaffte es Becky Chambers mühelos, mich in die Gedankenwelt ihrer Hauptfiguren hineinzuziehen. Sie scheinen auf den ersten Blick völlig unterschiedlich zu sein, aber ihre Geschichten ähneln sich auf eine Weise, die sich einem nach und nach erschließt. Wo gehört man denn eigentlich hin, wenn man den Zweck nicht mehr erfüllt, zu dem man erschaffen wurde? Beide Figuren finden auf diese Frage eine ganz eigene Antwort und ich bin froh, dass ich sie begleiten durfte. Die Erzählperspektive wechselt zwischen den beiden Protagonistinnen sowie örtlich Zwischen zwei Sternen und verwebt auf kluge Weise Vergangenheit und Gegenwart.

Verglichen mit Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten ist dieser Band hier ein leises Buch. Das Setting ist nicht so monumental, die Handlung spielt im Ganzen auf zwei Planeten, vieles findet in irgendeiner Form drinnen statt, nicht zuletzt in den Köpfen der Protagonisten. Freundschaften, Familie, Bindungen werden hier noch viel ausgeprägter behandelt und sorgen dafür, dass man als Leser an vielen Stellen ins Grübeln kommt. Die Kämpfe in diesem Science-Fiction-Roman spielen eben mal nicht im Weltall, sondern sind ganz persönliche Kämpfe um Überleben, Individualität und Selbstbestimmung.

Grandios finde ich wiederum die Vielfalt der verschiedenen Alien-Rassen und Ausprägungen von Sexualität. So spielt die viergeschlechtliche Rasse der Shonen in diesem Buch eine interessante Rolle. Die hierfür eingesetzten Personalpronomen für Wesen neutralen oder sich ändernden Geschlechts fühlten sich beim Lesen schnell völlig natürlich an. An der englischen Wortschöpfung „ser“ für ein Wesen, das weder sie noch er ist oder entsprechend „sire“ für „seine/ihre“ hat sich in der Übersetzung bestimmt nichts geändert. Mir gefiel diese Idee besonders gut.

Es ist schon länger her, dass ich einen Roman mit einem derart zufriedenen Gefühl ausgelesen habe. Für mich ist Zwischen zwei Sternen der Beweis, dass SciFi keines lauten Krawalls oder ausgetüftelter Waffensysteme bedarf. All die technischen Gimmicks und abgefahrenen gesellschaftlichen Konstrukte gibt es auch hier, keine Frage. Aber es geht der Autorin um ihre Figuren. Auch dieser Teil des Wayfahrer-Universums ist warmherzige, intelligente, tolerante und vor allem optimistische Science Fiction, die Freude bereitet.

Katrin

Autorin: Becky Chambers
Buchtitel: Zwischen zwei Sternen
Übersetzung: aus dem Amerikanischen von Karin Will
Verlage: FISCHER Tor

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