Hui e, haumi e, taiki e

Whalerider Cover

© Bild: Bettina, 2017

Bei der Auswahl meiner Lektüre habe ich oft die Sorge, ein Genre oder eine bestimmte Art von Buch könnte zur Lesesackgasse werden. Immer dieselben Figuren, die gleichen Motive und ähnliche Perspektiven ermüden ja nach der Zeit. Doch lasse ich schwierige Bücher, sperrige Themen oder unbekannte Stile länger liegen, schiebe es hinaus, mich mit ihnen zu beschäftigen. Gerade dann ist der Weltenbummlermonat ein hochwillkommener Anlass, es doch noch anzugehen. Nun kann ich mit Stolz schmettern: Endlich habe ich Whalerider von Witi Ihimaera gelesen!

Das Buch erzählt die Geschichte von Kahutia Te Rangi, kurz Kahu genannt, die als erstes Enkelkind des Maori-Anführers Koro Apirana geboren wird. Der alte Herr zeigt nur sehr verhaltene Freude, denn eigentlich hat er sich schon lange einen Enkelsohn gewünscht, dem er die Kultur der Maori weitergeben kann. Kahu schenkt er daher wenig Beachtung. Trotzdem liebt das Mädchen ihren Großvater über alles, kaum hat sie ihn zum ersten Mal gesehen. Sie wünscht sich demnach nichts sehnlicher als seine Zuneigung. So wächst Kahu zu Zeiten, in denen die Traditionen der Maori in der modernen Welt zu verblassen drohen, im Kreise ihrer Familie auf. Nur wenige merken, dass ihr Leben mit den alten Geschichten des Stammes verknüpft zu sein scheint. In diesen Mythen ritt ihr Vorfahr auf dem Rücken eines Wals zu den Inseln von Neuseeland. Nun machen sich wieder Wale auf den Weg dorthin und es ist nicht sicher, was ihre Ankunft für die Zunkuft bedeuten wird.

Gerade weil Witi Ihimaeras Werk mit seinen etwas über 150 Seiten mehr Büchlein als Buch ist, konnte es mich mit seiner Dichte überzeugen. Es verwebt viele Themen, Symbole und Bedeutungen zu einem beeindruckenden Ganzen. Wer hier tief gräbt, wird immer wieder Neues zu Tage fördern. In so wenigen Sätzen, in so prägnanten Szenen wird zum Beispiel die schwere Beziehung zwischen Großvater und Enkelin beschrieben, dass mein Herz einige Blessuren davongetragen hat. Kahu will an den Unterrichtsstunden, die Koro Apirana den jungen Männern gibt, teilnehmen und wird doch barsch weggeschickt. Sie bereitet für die Schulaufführung eine Rede über ihn vor und er erscheint nicht. Da sind die kleinen Tropfen Humor, die der Autor gelegentlich einstreut, wenn sich Koro Apirana mit seiner Frau zankt, wichtig für das Gleichgewicht.

Der Erzähler dieser Szenen aus Kahus Leben ist ihr junger Onkel Rawiri, der auch einige der bitteren und schönen Erfahrungen seines eigenen Lebens zur Geschichte beiträgt. Einzige Ausnahme von dieser Perspektive sind die kleinen Einblicke in die bedeutungsvolle Reise der Wale von den Küsten Südamerikas nach Neuseeland. Diese Seiten sind wunderbar, ja geradezu poetisch geschrieben. Verwischt bei den Maori oft die Grenze zwischen Wirklichkeit und Übersinnlichem, tut es das hier bei den Walen genauso. Auch bei der Sprache vermischt Ihimaera Englisch mit Maori. Eine kleine Liste und ein Glossar am Ende des Buches unterstützen den Leser bei diesen Passagen, sodass die Mischung kein Störfaktor ist, sondern den Text ungemein bereichert. Ohnehin entwickelt das Buch einen ganz eigenen Rhythmus des Erzählens. Motive erscheinen geradezu zyklisch, Aussprüche oder Redewendungen wiederholen sich gewollt. Sie bilden wie eine Trommel den Herzschlag des Textes.

Whalerider ist eines von diesen Büchern, bei denen man Gefahr läuft vor lauter Begeisterung länger über sie zu schreiben, als sie selbst lang sind. Für mich war es berührend, ungemein bedeutungsvoll und unglaublich lebendig. Beim Lesen habe ich mir oft das Meer vorgestellt, in dem unbegreiflich majestätische Wesen schwimmen, fast sein Rauschen gehört, während eigentlich über mir nur Blätter im Wind wehten. Ich freue mich jetzt schon darauf, mit der Verfilmung aus dem Jahr 2003 alles noch einmal neu zu erleben. Bis ich allerdings Zeit habe sie mir anzusehen, werde ich mich aber wohl noch häufiger hinlegen, die Lautsprecher anmachen und einfach Walgesänge hören.

Bettina

Autor: Witi Ihimaera
Buchtitel: Whalerider – Die magische Geschichte vom Mädchen, das den Wal ritt
Übersetzung: Deutsch von Sabine Schulte
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag

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