Zuhause im Moskauer Untergrund

© Foto: Ilke, 2015

© Foto: Ilke, 2015

Wir schreiben das Jahr 2033. Der letzte große Krieg ist seit Jahren vorbei, Atombomben und Raketen haben die Oberfläche verwüstet. Die dabei freigesetzte Strahlung hat sie für die Menschen unbewohnbar gemacht, sodass diese in den Untergrund fliehen mussten. Das Moskauer U-Bahn-Netz wurde zum Zufluchtsort und neuem Zuhause. Doch Sicherheit gibt es nicht, denn nicht nur Ressourcenknappheit bedrohen die Überlebenden, sondern auch die unvorstellbaren Mutationen der Oberwelt.

Artjom ist Anfang Zwanzig und lebt in der Metrostation WDNCh. Dort hat sich, wie in vielen anderen Stationen auch, eine kleine Gemeinschaft gebildet. Es wird Handel betrieben, sogenannte Stalker wagen sich mittels Schutzkleidung an die Oberfläche und bringen Dinge des täglichen Bedarfs mit. In der WDNCh hat sich eine kleine Schweinezucht entwickelt sowie die Produktion von Pilztee, der recht beliebt ist. Artjom arbeitet nach Bedarf in der Teefabrik und als Wache am Außenposten der Station. Seit einiger Zeit wird diese von den Schwarzen bedroht, einer Art mutierter Spezies. Als Hunter, ein Freund seines Ziehvaters, zu Besuch kommt, übergibt dieser Artjom einen speziellen Auftrag, dessen Erfüllung das Überleben der Station sichert. Und so verlässt der junge Mann zum ersten Mal seine Heimat und begibt sich auf eine Reise, auf der er mehr über die verschiedenen Zivilisationen der Metro erfährt. Er trifft auf Leute unterschiedlichster Meinung und Religion, einige werden zu wertvollen Verbündeten, andere zu schlimmen Feinden.

Neben diversen Gefahren, denen er begegnet, muss sich Artjom auch sich selbst stellen. Während seiner langen Wanderungen durch die dunklen Schächte stellt er seine Motive, Ängste und sein Schicksal in Frage. Diese Kombination aus Kampf und Philosophie hat mir sehr gut gefallen. Der Autor greift nebenbei gesellschaftliche, religiöse, politische und philosophische Themen auf, ohne dabei missionarisch wirken zu wollen. Vor allem das Ende des Romans kommt mit einer Wucht daher, die einen noch lange nachdenken lässt.

Glukhovsky erschafft mit Metro 2033 eine Welt, die der unseren gleicht und doch ganz anders ist. Die Menschen sind gezwungen, neue Prioritäten zu setzen und Dinge, die für sie vorher selbstverständlich waren, neu zu überdenken und zu besorgen. Wasser, Nahrung, Kleidung und Wohnraum sind plötzlich Mangelware. Etliche Metrostationen haben kein Licht oder nur das spärliche Leuchten der Notversorgung. Die Menschen werden plötzlich bedroht von unbekannten Monstern und Mutanten, die selbst durch Waffengewalt schwer zu bändigen sind. Geld ist wertlos geworden, Patronen sind die neue Währung. Unterhaltungsmedien wie Bücher sind heiß begehrt und äußerst wertvoll. War man früher von einer Station zur nächsten nur kurz unterwegs, kann nun der Fußmarsch mehrere Stunden dauern. Die Schächte sind dunkel und voller Gefahren, auch die Fahrt mit einer Draisine ist nur wenig bequemer. Die Kommunikation der einzelnen Stationen untereinander ist daher stark eingeschränkt. Es bildeten sich kleine Gruppen und Staaten, die zum Teil sehr unterschiedlich sind. Jeder kämpft um das eigene Überleben und teilweise bekämpft man sich untereinander. Solidarität ist ein knappes Gut.

Etwas befremdlich, beziehungsweise bedauerlich blass waren für mich die Nebencharaktere, die viel zu schnell kamen und wieder gingen. Nur wenige wurden etwas genauer beleuchtet und blieben im Gedächtnis. Ebenfalls habe ich mich gefragt, warum Artjom so wenigen Frauen begegnet, die allesamt auch noch wenig schmeichelhafte Rollen innehaben.

Ich kann den Roman jedem, der nicht allzu zart besaitet ist, wärmstens ans Herz legen. Den Leser erwartet eine gute Mischung aus Spannung, Gesellschaftskritik und Philosophie. Darüber hinaus wird ein wenig die Geschichtskenntnis aufgefrischt. Metro 2033 ist nur der Beginn eines ganzen Universums, das rund um den Roman erschaffen wurde. Im Nachfolgeband Metro 2034 wird Hunter zum Protagonisten. Ein Wiedersehen mit Artjom als Hauptcharakter gibt es im kürzlich erschienenen Metro 2035. Eine Vielzahl von Autoren haben weitere Geschichten rund um die Moskauer Metrostationen und ihrer Bewohner verfasst, die lose miteinander verknüpft sind. Zudem gibt es eine Reihe von PC- und Videospielen.

Ilke

Autor: Dmitry Glukhovsky
Buchtitel: Metro 2033
Verlag: Heyne Verlag

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3 Gedanken zu “Zuhause im Moskauer Untergrund

  1. Claudia Bett schreibt:

    Ich überlege schon sehr lange, ob dieses Buch etwas für mich ist, denn eigentlich ist das nicht mein Genre, aber es klingt so spannend, interessant und vielschichtig, dass ich es nun doch lesen möchte. Inzwischen gibt es ja auch den dritten Teil der Reihe, was ich ganz angenehm finde, denn es nervt mich ungemein, wenn ich ein gutes Buch lese und dann ein Jahr warten muss, bis der nächste Band erscheint.

  2. Ilke schreibt:

    Freut mich, dass ich dich überzeugen konnte. 🙂 Ich kann es auch nicht leiden, lange auf einen Folgeband zu warten. Zum Glück funktioniert Metro 2033 auch als eigenständiges Buch.

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