Retter der Reihenhaussiedlung

© Foto: Katrin, 2015

Jeden Morgen zur selben Zeit macht Ein Mann namens Ove seinen Rundgang durch das Wohngebiet. Er tritt gegen Schilder um ihre Stabilität zu testen, kontrolliert seine Garagentür und notiert die Nummernschilder widerrechtlich Parkender. Damit alles seine Ordnung hat. So ein Mann ist Ove.

Ove ist 59, seit kurzem Witwer und eigentlich schon immer Saab-Fahrer aus Überzeugung. Jetzt ist er allein in einem Haus mitten im Wohngebiet und hat ständig vor Augen, wie sich dort alles zum Schlechten wandelt. Als er nach Jahrzehnten in derselben Firma für überflüssig erklärt wird, steht er plötzlich in seiner Küche und ölt die Arbeitsplatten …

Doch dann reicht es Ove! Im Grunde hat er einfach genug. Dieser Mann will bloß noch sterben, denn für jemanden wie ihn scheint auf Erden kein Platz mehr zu sein. Dabei benötigt Ove eigentlich nur das Gefühl, gebraucht zu werden, eine Aufgabe, der er sich mit ganzer Kraft widmen kann. Verständlich, dass mit dem Tod seiner Frau Sonja eine Welt für ihn zusammenbrach. Zwar waren die beiden sehr gegensätzlich, doch Ove hat sie geliebt – mit jeder Faser seines sturen, rechtschaffenen Herzens.

Er war ein Mann aus Schwarz und Weiß.
Und sie war Farbe. All seine Farbe.

Ein Mann namens Ove, Fredrik Backman, S. 49

Nun plant Ove akribisch sein Ableben, regelt seine Angelegenheiten und schraubt einen stabilen Haken genau mittig in die Wohnzimmerdecke. Akkurat mit einem Dübel in passender Größe. Wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt, hat der griesgrämige Ove jedoch die Rechnung ohne seine Nachbarn gemacht. Seit Sonja verstorben ist, hat er mit denen nicht mehr viel zu tun. Mehrheitlich sind das ohnehin Audi-Fahrer und damit Idioten. Keiner dieser Leute ist mehr in der Lage, richtigen Kaffee zu kochen, rückwärts einzuparken oder die Hinweisschilder im Wohngebiet zu lesen. Das ist alles nicht so wie es sein sollte!

Doch nach allen Rückschlägen, die Ove in seinem Leben einzustecken hatte, bringen es eben diese Nachbarn fertig, ihn aus seinem stahlharten Schneckenhaus zu holen. Denn tief unter der rauen Schale vergraben, verbirgt sich ein weicher Kern, der mühsam freigelegt werden muss. Auf äußerst sympathische Art schafft das zunächst eine neu zugezogene Nachbarin, die hochschwangere Parvaneh. Zusammen mit ihrem Mann Patrick (oder wie Ove sagen würde: dem Trottel) und den zwei kleinen Töchtern bringt sie ihren schroffen Nachbarn ganz schön auf Trab. Es ist schon irre komisch zu lesen, wie Parvanehs ausgeprägte Herzlichkeit und Bestimmtheit auf Oves mürrischen Gleichmut treffen. Auch sein Verhalten den Kindern gegenüber strotzt immer wieder vor Situationskomik. Doch das ist erst der Anfang. Ehe er es sich versieht, wird er – unwillig, unfreundlich und unterbeschäftigt wie er nun mal ist – zum Anlaufpunkt einer Schar sehr unterschiedlicher Menschen. Dabei geht es um die schrägsten Dinge des Lebens: von einer Fahrradreparatur für die Angebetete über die Abschiebung eines alten Bekannten ins Pflegeheim bis hin zu homophoben Anfällen von Vätern. Das hat Ove schlichtweg nicht kommen sehen.

Dieser Hauptcharakter ist definitiv sperrig: ein verbitterter, schweigsamer Mann mit Grundsätzen. Weder Menschen noch räudige Katzenviecher mag Ove besonders gern, dabei ist seine Einsamkeit fast mit Händen greifbar. Der klare, prägnante Schreibstil wechselt häufig zwischen leicht verrückt, sachlich, humorvoll und berührend. Nie weiß der Leser, was ihn auf der nächsten Seite – ja, mit dem nächsten Wort– erwartet. Man sitzt da und möchte über eine besonders skurrile Formulierung herzhaft lachen, während einen der nächste Satz wieder zum Verstummen oder sogar zum Weinen bringt. Fredrik Backman erschafft einen Charakter, der gerade wegen all seiner Ecken und Kanten ein liebenswerter Kerl ist, dessen Geschichte verdammt nochmal gut ausgehen soll! Immer wieder füttert der Autor den Leser mit Puzzleteilen aus der Vergangenheit des Protagonisten. Das könnte manchmal verwirrend sein, doch die originellen Kapitelüberschriften ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch und helfen beim Sortieren der gewonnenen Erkenntnisse. Letztendlich entsteht das Portrait eines vielschichtigen, eigenwilligen Mannes namens Ove, der mit dem richtigen Werkzeug fast alles ins Lot bringen kann.

Zum Schluss bleibt zu sagen, dass ich sehr froh bin, diesen wunderbaren Roman gelesen zu haben.  Er handelt von Einsamkeit, vom Sinn des Lebens, von Schicksalsschlägen und Engstirnigkeit, Traurigkeit und Zorn. Genauso geht es aber auch um wahre Hilfsbereitschaft, die Komik des Alltags, Toleranz, Tatkraft und die Wichtigkeit sozialer Bindungen – von aufkeimender Freundschaft bis hin zur echten, bedingungslosen Liebe. Nie hätte ich vermutet, dass sich hinter den schlichten blauen Buchdeckeln ein solcher Schatz verbirgt! Irgendwie ist die Geschichte gleichzeitig humorvoll, melancholisch, leicht morbide und warmherzig. So blättert man die letzte Seite um und spürt, wie ein angenehmes Gefühl der Zufriedenheit in einem aufsteigt. Besser geht es kaum. Es sei denn natürlich, ihr mögt Hörbücher: dann ist die Version vom Argon Verlag sicher eine gute Option. 😉

Katrin

Autor: Fredrik Backman
Buchtitel: Ein Mann namens Ove
Verlag: FISCHER Krüger
Dankeschön: an Karo-Darling für die liebevolle Leihgabe

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9 Gedanken zu “Retter der Reihenhaussiedlung

  1. Georgia schreibt:

    Hach ja, der Ove…ich bin direkt wieder leicht depri. Aber dennoch war es eines der besten Bücher, die ich seit langem gelesen habe, verfolgt mich jetzt noch.

  2. schnipseltippse schreibt:

    Klingt toll. Allerdings ist mir das mit 15 € für die Kindleversion bissl teuer… Aber die Leseprobe lade ich mir auf alle Fälle mal runter. 🙂
    Danke jedenfalls für den Tipp.
    Grüessli
    Schnipseltippse

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